Riesenmaschine

29.07.2010 | 15:10 | Anderswo | Alles wird besser | Sachen anziehen

Hysterische Schuhe


Li Chen: He – Cranes – Kraniche
Wahrscheinlich wird man späteren Generationen nicht mehr genau erklären können, weshalb im ersten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Menschen auf sämtlichen Kontinenten dieses Planeten plötzlich mit Plastikschuhen herumliefen, die einerseits so aussahen, als würden sie pausenlos schreien, wenn sie nur einen Mund hätten, die andererseits aber auch einen penetranten Eigengeruch verbreiteten, und die zudem im Verhältnis zu ihren lächerlich geringen Herstellungskosten sehr teuer waren. Man wird es vielleicht darauf schieben, dass dieses erste Jahrzehnt ja als das "hysterische" in die Geschichte einging. Es begann damit, dass alle fürchteten, die Apokalypse bräche an, nur weil sich ein Datum änderte. Später glaubte fast jedermann, ein Präsident würde eine andere Politik machen, nur weil seine Haut leicht anders gefärbt war als die seines Vorgängers. Und gegen Ende der Dekade schäumten Menschen wochenlang vor Wut, weil andere Menschen in Fussballstadien, die zehntausend Kilometer entfernt waren, in Plastiktröten bliesen.

Ganz genau aber wird man sagen können, wann der hysterische Schuh zu Kunstgeschichte wurde. Das war auf einer Sammelausstellung der Neun-Drachen-Berg-Galerie, die im Juli 2010 im Pekinger National Art Museum of China stattfand. Gemalt hat das richtungsweisende Bild ebenfalls 2010 der Nachwuchskünstler Li Chen, der es "Kraniche" nannte. Später sollte dieses Gemälde als Zeichen dafür gedeutet werden, dass das hysterische Jahrzehnt zu Ende ging.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Risikosportart Gummischuh

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (13)


01.02.2010 | 09:56 | Anderswo | Alles wird besser | Was fehlt

Ironisch reisen


Da sage "einer", "die" Chinesen hätten keine "Ideen"
Ein ironischer Orgasmus, meinte Robert Gernhardt einst, sei kaum vorstellbar. Genauso wenig kann man wohl ironisch reisen, es sei denn, man heisst Hermann Hesse. Aber dessen Ironische Reise von 1927 wird wahrscheinlich nur ein ironischer Reisebericht sein, so wie alle anderen ironischen Reisen auch, wenn es sich nicht gar um Reisen im übertragenen Sinne handelt. Jetzt hat sich ein Pekinger Omnibusunternehmen offenbar dazu entschlossen, zu zeigen, dass man auch wirklich ironisch reisen kann. Und wer weiss: Wenn es über Stock und Stein geht, fühlen sich die Passagiere am Ende so "well", dass die eine oder der andere am Ende doch zu einem ironischen "Orgasmus" kommt.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (12)


22.06.2009 | 00:21 | Alles wird schlechter

Obszöne Geste der Zukunft


Coco irgendwie krank (Foto: Christian Y. Schmidt)

Die Modeschöpferin Coco Chanel rauchte fünfzig Zigaretten am Tag, damit sie besser Mode schöpfen konnte. Deshalb gibt es kaum ein Foto von ihr, das sie ohne Zigarette zeigt. Nur in dieser Anzeige, die am letzten Wochenende in der Hongkonger South China Morning Post erschien, raucht sie keine. Das Bild ist allerdings nicht echt. Erst mal ist das hier gar nicht Coco Chanel, sondern Audrey Tautou, die in dem gerade in Hongkong angelaufenenen Film "Coco before Chanel" (Deutschlandstart: 13. August als
"Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft"
) die Titelrolle spielt. Und zweitens rauchte zunächst auch Tautou auf diesem Foto ganz Chanel-like. Die Zigarette aber wurde weggephotoshopt, weil die Hongkonger Gesetze Werbung mit Zigaretten drin oder drauf verbietet. Dasselbe ist übrigens auch in Frankreich strikt untersagt, weshalb hier beim Filmstart im April dieses Jahres gleich sämtliche Plakate mit demselben Motiv aus den Aushängen in der Metro verschwanden.

Was allerdings nach dem Eingriff auf dem Foto bleibt, ist eine zwar irgendwie verkrüppelt wirkende, aber dennoch erkennbare Geste des brennende-Zigaretten-Haltens. Damit wird natürlich auch aufs Rauchen verwiesen, wahrscheinlich sogar stärker, als wäre die Zigarette noch zu sehen. Über kurz oder lang wird also deshalb auch diese Geste zunächst in der Werbung und später dann im Leben als obszön geächtet werden. Die aufmüpfige Jugend von 2068 aber kann sich jetzt schon freuen, denn in den nächsten 60 Jahren wird sich ein grosser Batzen bizarrer gesellschaftlicher Normen und Verboten ansammeln, gegen die man dann wieder herrlich rebellieren kann.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: No smoking in hell

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


08.06.2009 | 10:00 | Anderswo | Vermutungen über die Welt

Zwei Krisen – eine Antwort


Ohne Worte (Foto: Christian Y. Schmidt)
Die einen fragen sich, wo eigentlich das ganze schöne Geld geblieben ist, das vor der Finanzkrise in Deutschland war, und sich danach in Luft aufgelöst hat? Die anderen wollen gerne wissen, was gewisse Parteien, die im alten Europa keine Perspektive mehr haben (20,8 %), zukünftig zu unternehmen gedenken. Wie obiges Foto beweist, ist die Riesenmaschine in Peking der Lösung dieser beiden Fragen jetzt ein gutes Stück näher gekommen. Und weshalb wird uns diese hochbrisante Antwort von den klassischen Medien vorenthalten?
Na, wahrscheinlich deshalb! (Foto: Christian Y. Schmidt)

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (6)


15.05.2009 | 18:27 | Anderswo | Alles wird schlechter | Vermutungen über die Welt

Verfall der Zukunft


Das Gestern

Das Heute
Als die Revolution im Jahr 1949 siegte, herrschte in ganz China ein enormer Zukunftsoptimismus. Damals gaben sich gleich etliche Unternehmungen im Land den Namen "Xinhua", was so viel wie "Neues China" heisst. Auch die staatliche Buchhandelskette, bis heute die grösste Chinas und in jeder Stadt vertreten, wurde "Xinhua" benannt. Doch Optimismus lässt sich nicht konservieren, vor allem wenn man seine Erfahrungen gemacht hat und – so wie China – in die Jahre kommt. Auch davon künden Namen. Jetzt hat direkt neben einem "Xinhua"-Laden im Pekinger Osten ein Klamottenladen aufgemacht, der auf Chinesisch "Tui Bian" heisst, was "Metamorphose" bedeutet. Auf Englisch aber nennt sich der Laden "Decay". Natürlich ist das nicht negativ gemeint, sondern – wie "Dekadenz" im Rest der Welt – schick. Die grosse Frage aber bleibt, wann es wieder schick wird, an die Zukunft zu glauben? Zukunftsgläubig, wie wir sind, tippen wir auf: In fünfundzwanzig Jahren.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (3)


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