Riesenmaschine

22.05.2010 | 02:32 | Anderswo | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Swissialism, update


Bratwürstchen-Kommunismus am Zürichsee
Wir haben ja an dieser Stelle schon mehrfach darüber gemutmasst, ob die Schweiz nicht eigentlich als verkappt sozialistisches Gemeinwesen die DDR in gut emuliert, zuletzt angelegentlich der öffentlichen Grills, die an innerstädtischen Plätzen zur freien Verfügung vorgehalten und regelmässig gereinigt werden. Aber was tun, wenn gerade keine Grillkohle und Anzünder zur Hand? Zum Wohle, Nutzen und Frommen auch dieser verpeilten Genossen hat der Sowjet der Stadt Zürich die Einrichtung öffentlicher Elektrogrills beschlossen und am Seeufer in Wollishofen, unweit der Roten Fabrik (!) auch bereits umgesetzt. Münzeinwurf: Fehlanzeige. Einfach Knopf drücken und Grillgut auflegen. Wo kämen wir denn da hin?

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Zürich-Spezial V: Der Beste Ort der Welt 1.9


14.05.2010 | 16:36 | Anderswo | Zeichen und Wunder | In eigener Sache

Warten mit Godot


So spielt man mit Studenten. (Foto: Helico, Lizenz)
Teil zwei der Reihe "Die Zentrale Intelligenz Agentur entdeckt totgeglaubte Kulturformen": Nachdem die ZIA 2008 das Radio gerettet hat, wird 2010, genauer: am Dienstag, dem 18. Mai um 20 Uhr, am Nationaltheater Mannheim die szenische Lesung des ersten ZIA-Theaterstücks "Warten mit Godot" stattfinden. Ein rasanter Ritt durch 2.000 Jahre Bühnengeschichte, gerade theaterfernen Schichten zu empfehlen.

"Es ist noch niemand so weit gegangen. 'Warten mit Godot' ist so sehr allem bis anhin Gesehenen voraus, dass es streng genommen unmöglich ist, ihm mit deutenden oder auch nur beschreibenden Worten nachzukommen. Eine Küche, ein Kartenspiel, das ist die ganze Szenerie von Anfang bis Ende. Vier Personen verbringen hier die Zeit – mit nichts. Sie heissen Godot, Bernd, Bernd und Bernd. Godot ist eigentlich mit den beiden Landstreichern Wladimir und Estragon verabredet, irgendwo auf einer Landstrasse an einem Baum. Aber die geschwätzigen Bernds und das auf ewige Fortsetzung drängende Kartenspiel erschweren seinen Aufbruch. Zwischendurch taucht Kasimir Blanko auf, ein reicher, blühend selbstgefälliger Herr, der einen Vortrag voll kluger Prophezeiungen verfassen muss. Währenddessen geht das Spiel weiter seinen Gang und man ahnt, Godot wird sich niemals losreissen können.

Was aber schon in einer solchen Zusammenfassung unmittelbar ins Auge springt, das ist die grosse Einfachheit und Reinheit der dramatischen Struktur. Die klassische Einheit von Ort, Zeit und Handlung wird gewahrt. Was aber hat Godot mit diesen Bernds zu tun und wer ist er? Keine einzige der möglichen Deutungen ist ihm erspart geblieben. Es hiess, er sei Gott, wie es ja die erste Silbe seines Namens sage. Es hiess auch, er bedeute den Tod – aber man würde mit gleichem Recht auch sagen, er bedeute das Leben. Von all dem kommt jedoch im Spiel nichts zur Sprache, es bleibt wunderbar konkret wie ein Kasperletheater für Kinder: Godot ist und bleibt ein Wesen, das zwei Vaganten an einem Strassenrand erwarten und das aber lieber mit den Bernds beim Kartenspiel in der Küche abhängt.

Das Drama ist, dass die Zeit vergehen muss und dass man wach bleiben sollte. Und alles, was sich auf der Bühne zuträgt, das sind die Formen dieses Wachseins – Karten spielen, Bier trinken, über Dinge reden. Und darum ist das Stück lustig, ja man möchte es sogar ein Meisterwerk des Humors nennen. Der Humor der ZIA bleibt nicht auf die belanglosen Bezirke des Lebens beschränkt, sondern durchläuft den ganzen Raum von Leben und Tod, und er tut dies nicht als eine Beigabe, vielmehr als die unmittelbare Gegenseite des Tragischen."


(Gerda Zeltner in der Neuen Zürcher Zeitung vom 10. März 1953)

Philipp Albers, Michael Brake | Dauerhafter Link | Kommentare (8)


08.04.2010 | 23:07 | Anderswo | Supertiere | Effekte und Syndrome

Sushiwinde


Japanische Därme stellt man sich anders vor.
Viel wurde schon geforscht über die Unterschiede zwischen den Nationen. Wo die eine Nation aufhört und die nächste beginnt, oder wer in ihnen leben dürfe, waren in vergangenen Jahrhunderten wichtige Themen zahlreicher internationaler Kongresse. Auch Humorneigung der Bewohner, örtliche Toxoplasmose-Durchseuchung, sowie durchschnittliche Längen sämtlicher messbarer Körperteile wurden längst sorgfältig protokolliert. Vor diesem Hintergrund ist erstaunlich, dass erst zu dieser späten Stunde Licht auf den grossen weissen Fleck der internationalen Differenzenforschung fällt, oder vielmehr auf den grossen braunen Fleck, auf den Dünndarm der Völker.

In ihm leben bekanntlich Bakterien in solcherner Anzahl, dass das Gerücht die Runde macht, es seien mehr Bakterien als Körperzellen im Menschen drin, bislang ein verstörender Gedanke, wenn man gerne verstört ist, aber wie die robusteren Naturen wissen, sind diese Bakterien unsere Freunde. Wir füttern sie mit probiotischem Joghurt und sie erzeugen Darmwind – Symbiose nennt's die Biologie. Ein praktisches Nebenprodukt der Darmwindproduktion ist die Verdauung von für den Menschen sonst unverdaulichen Substanzen, von Eternit vielleicht, oder Lakritz oder tausendjährigen Eiern.

Oder zum Beispiel von Sushi. Japanische Dünndärme, das haben Forscher jetzt herausgefunden, enthalten Bakterien mit einem speziellen Gen, das ihnen die Verdauung von Algen erleichtert. Nordamerikanische Dünndarmbewohner haben dieses Gen nicht. Die japanischen Dünndarmbewohner werden sich das Gen wohl aus Bakterien im Essen geholt haben, folgern die Autoren, und dass vermutlich all die darmwindverursachenden Bakteriengene da her kommen. Esst also mehr Bakterien! Es ist gut für die Darmwinde.


29.03.2010 | 23:51 | Anderswo | Alles wird schlechter | Listen

Apfelbäumchenpflanzen jetzt im Live-Ticker verfolgen

Das Geschehen am Large Hadron Collider ist als journalistisches Thema mittlerweile nicht mehr das freshste, aber das interessiert bild.de natürlich nicht. Stattdessen wollte man dort vom morgigen Protonen-Aufeinanderschiess-Experiment per Liveschalte berichten. Zwar wird ein Verantwortlicher zitiert, der die ganze Sache schon im vorhinein zum langweiligen Unereignis erklärte, doch, so die Humeschen Induktionsskeptiker von bild.de, "genau kann er es auch nicht wissen – ein Experiment dieser Dimension wurde noch nie durchgeführt".

Die Videoverbindung kommt aber nun nicht zustande wegen "technischer Probleme", vermutlich hat ein Vogel die aufgestellte Webcam mit Krümeln beworfen. Darum greift man bei bild.de jetzt zum last resort der Berichterstattung: dem Live-Ticker. In diesem Fall ergibt sich daraus natürlich ein interessanter Versuchsaufbau (viel interessanter als diese ewige Protonen-Aufeinanderschiesserei): Entweder bild.de stellt morgen früh ab 9 Uhr den Rekord für den langweiligsten Live-Ticker der Welt auf – oder aber (mit einer Wahrscheinlichkeit von immerhin 50%, denn "it's gonna either happen or it's gonna not happen") es ergibt sich für alle Nerds, Geeks und sonstige Stubenhocker die wahrlich einmalige Möglichkeit, für ihren Lebensentwurf ein letztes Zeugnis abzulegen: "Weltuntergang? Ach, das lasse ich nebenbei im Live-Ticker laufen!" Wir werden es vermutlich nie erfahren, denn morgen um 9 Uhr schlafen wir natürlich noch.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Zen-Sportberichterstattung


08.02.2010 | 01:31 | Anderswo

Ontologisches Reisen


Anwohner (Foto, Lizenz)
Tourismus ist eine Sackgasse. Mal kurz an einem fremden Ort sein, wie es vom Touristen verlangt wird, kann man sowieso nicht. Die meisten Leute behelfen sich damit, eine Idee über einen Ort zu haben (in ihrem Kopf), sie dann mit Informationen aus Reiseführern anzufüttern (in ihrem Kopf) und dann den Ort aufzusuchen. Sie glauben, an diesem Ort zu sein, was sie jedoch in Wahrheit besuchen, ist das Vorurteil (in ihrem Kopf). Seltene Ausnahmen, in denen z.B. gerade ein Krieg ausbricht oder ein Vulkan, sollen mal nicht weiter diskutiert werden. Am Ende werden Fotos gemacht und den Kindern gezeigt. Der Ort lebt ungestört weiter.

Es gibt nichts, was man dagegen unternehmen kann, aber aus Protest kann man zumindest das Gegenteil tun. Statt sich einzubilden, am Ort X zu sein, während man in Wahrheit vorwiegend im eigenen Kopf ist, macht man folgendes: Man fährt konzeptlos an einen Ort Y und bildet sich dann ein, gar nicht dort, sondern im eigenen Kopf zu sein.

Nirgendwo kann man so gut nicht daran glauben, an einem Ort zu sein, wie an einem Ort, der vielleicht gar nicht existiert. Es gibt nicht viele dieser bielefeldartigen Orte, aber bei den wenigen handelt sich fast ausnahmslos und pflichtgemäss um Gegenden ohne jedes Selbstwertgefühl, im inneren North Dakota sozusagen. Man würde gern wissen, ob bei Trivial Pursuit gefragt wird, was Molise, Matlock, Belgien, Petach Tikva, Worksop gemeinsam haben. Und wie hoch die Dichte an psychologischen Beratungsstellen in diesen Orten ist, Informationen, die man im Internet, dem Bielefeld der Herzen, vergeblich sucht.

Beim chilenischen Bielefeld zum Beispiel handelt es sich um ein grosses Dorf namens Combarbala irgendwo in der Wüstenei, eine knappe Tagesreise nördlich von Santiago. Wir haben dieses Nichtding kürzlich mal ausprobiert und folgendes ist zu berichten. Combarbala hat dem Antitouristen im Vergleich zu Bielefeld folgende zwei Vorzüge zu bieten: Tiere und Internet, beides kostenlos und frei herumlaufend. Mehr gibt es dort nicht, aber das wäre jetzt schon zuviel verraten.


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