Riesenmaschine

12.08.2008 | 00:34 | Anderswo | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

Das ist doch kein Name für eine Kneipe


Graz, August 2008

Valencia, April 2006
Auch Gastwirte müssen immer auf dem Laufenden sein, die Zeiten, in denen sie einfach beliebige Namen aus der Grabbelkiste ("Koma", "Notaufnahme", "Tankstelle", "Alibi") oder Wortspiele ("SonderBar", "NachfüllBar", "BrennBar") verwenden konnten, sind längst vorbei. So existierte in Valencia bereits ein halbes Jahr nach dem Kinostart eine Brokeback Mountain Bar. Und in Graz wurde vor kurzem eine Kneipe nach Barack Obama benannt, orakelhafterweise in den Räumen des früheren Habsburg. Übrigens: Einen passenden Claim fürs Obama hatte sich Sascha Lobo schon zwei Wochen vor der Eröffnung ausgedacht, gegen den üblichen Stundensatz wird er ihn sicher gerne weiterveräussern.


14.05.2008 | 14:23 | Nachtleuchtendes | Alles wird besser

Der Reichsflugscheibenfilm ist da!

Der Mond, machen wir uns nichts vor, ist unbeliebt. Kein Wunder, er ist aus Käse, riecht streng und ruft nie zurück. Der Grund dafür ist aber nicht, dass der Mond von blinden, blöden Kräften der Natur gemacht wurde und nicht von – sagen wir – einem betrunkenen Rudel Internetbewohner. Er sähe nämlich sonst aus wie eine niedliche Katze, der ein Cola-Geysir aus dem Mentos spritzt, das sie statt eines Auges hat, und wäre noch viel unbeliebter. Wer heutzutage dem Irrglauben, viele Narren seien klüger als ein einzelner Narr, noch anhängt, braucht aber nicht auf den Katzenmond zu warten, er kann sich anhand des Wikiromans von Penguin bequem vom Gegenteil überzeugen. Leider kann er sich jedoch sofort danach mit dem am 6. Mai veröffentlichten Trailer von Iron Sky vom Gegenteil dieses Gegenteils einwickeln lassen, die Welt ist nämlich komplizierter als der Mond. Iron Sky ist ein Film über die Rückkehr der aus der Antarktis auf den Mond geflüchteten Nazis, kollektiv gedreht von den Bewohnern des Internet, mittels einer wikiartigen Produktionswebseite. Mit diesen Mitteln hätte man womöglich sogar den Mond selbst so hingekriegt, dass er nach was aussieht.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wunderwaffen: der Haunebu II


24.04.2008 | 19:28 | Nachtleuchtendes | Alles wird besser

Super Genintari

Fast alle sehnlichen Wünsche der Menschheit wurden inzwischen erfüllt: Zum Mond fliegen, Operationen ohne Schmerzen, die Abschaffung kratziger Kleidung, tragbares Internet, einen grösseren Penis bekommen in nur sechs Wochen, Pizzalieferservice – bloss auf das Gerät, das alles auf einmal kann, warten wir bis heute. Immerhin wird die Thematik nun sauber von hinten aufgerollt: Das im Video vorgestellte Super Genintari (Arbeitstitel: Leviticus) vereint endlich Super Nintendo (1990), Sega Genesis (1988), NES (1983) und Atari 2600 (1977) in nur einem Gehäuse, mit nur einem Stromkabel und nur einem TV-Anschluss (und alle vier Spiele können parallel laufen, wenn auch nicht parallel gespielt werden). Als nächstes gibt es dann einen Discman-Beeper mit Polaroidfunktion, ein Faxgerät mit VHS-Recorder und Telexschnittstelle und einen Volksempfänger mit eingebauter Laterna Magica – die Zukunft von gestern ist die Gegenwart von morgen, also sind wir schon sehr nah dran.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Übergadget Spielkonsole


09.04.2008 | 19:11 | Nachtleuchtendes | Was fehlt

Nothing funny 'bout that

Als Zwillinge bezeichnet man im biologischen Sinne zwei Personen, die genau gleich aussehen, weil sie aus demselben Ei geschlüpft sind. Wenn man Zwilling hört, denkt man "identisch" oder "zum Verwechseln ählich", und wenn man das nicht denkt, denkt man zusätzlich "zweieiig", aber wer macht das schon, wenn er Zwilling denkt. Astronomen bzw. deren Pressereferenten haben jetzt in einem längeren Prozess den bizarr unähnlichen Zwilling erfunden, eine echte Novität. Im Jahr 2003 hörte man erstmals von einem Zwilling unseres Sonnensystem. Nun schlüpfen Sonnensysteme überhaupt nie aus Eiern, seien wir darum nicht kleinlich, aber dieser Zwilling hier hat einen Jupiter, der seine Sonne, einen Stern namens HD70642, im Abstand von 467 Millionen Kilometer umkreist, oder wie die PR-Mitteilung informiert "nicht sehr verschieden von 778 Millionen Kilometer". Hm, well. 311 Millionen Kilometer verschieden, eine kleine Aberration, zugegeben.


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In den letzten Monaten jedoch vermehren sich die unähnlichen Zwillinge wie die ähnlichen Karnickel. Der Stern 55 Cancri hat einen "erdähnlichen" Planeten, der nicht nur 45mal so schwer ist wie die Erde, sondern ist auch "ein bisschen" näher an seiner Sonne, nämlich circa 80 statt 150 Millionen Kilometer. Hust. Ein bisschen? "Fast ein Zwilling?" Der Erd"zwilling" des Sterns Gliese 581 hat gar einen Abstand von nur gut 10 Millionen Kilometern von seiner Sonne. Schonmal beim Nachhauseweg auf den letzten 140 Millionen Kilometern verhungert?


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Und schliesslich in den letzten Wochen wieder ein Zwilling, diesmal führt die Sonne den sperrigen Namen OGLE-2006-BLG-109L. (Nebenbei: Was ist eigentlich aus den ansprechenden Namen für Himmelsobjekte geworden, sagen wir "Tukan" oder "Ganymed"?) Dieses Mal ist die "Erde" nur halb so weit von ihrer Sonne weg wie die richtige, das heisst 75 Millionen Kilometer weniger. Einerseits sind wir von Astronomen Übertreibungen gewohnt, ich meine, Schwarze Löcher, guter Scherz, aber andererseits erwartet man ein wenig mehr Präzision in der Metaphernauswahl. Wieso gibt es mehr als einen Zwilling der Erde? Was soll diese Besessenheit mit der Ähnlichkeit? Ist Unähnlichkeit nicht eigentlich viel interessanter? Und wie wird man es nennen, wenn man irgendwann tatsächlich eine Kopie des Sonnensystems findet? Superzwilling? Hypererde? Was, wenn es ganz viele davon gibt? Trillionenling? Und übrigens: Saturnmond Titan ist nicht der Zwilling der Erde, beziehungsweise nur in einer Welt, in der ein Tag zwei Wochen lang ist (ein Jahr übrigens auch) und die Temperatur minus 194 Grad beträgt. Das ist nur gute 100 Grad kälter als in der Antarktis. Am Ende leben dort Zwillingspinguine.


06.04.2008 | 10:16 | Nachtleuchtendes | Fakten und Figuren

Telescoputechture

Nicht vollends geklärt ist, wer zum ersten Mal ein Fernrohr zusammenschraubte und wann er das tat (und warum). Bekannt damit wurde jedenfalls im Jahr 1608 ein gewisser Hans Lipperhey, who claims to have a certain device by means of which all things at a very great distance can be seen as if they were nearby. Kaum wird jemand daran zweifeln, dass die Welt, wie wir sie kennen, anders aussähe, hätten wir sie nicht 400 Jahre lang mit grossen Rohren angestarrt. Die Sonne hat Flecken? Lachhaft. Saturn gar kein Lichtpunkt, sondern ein Gasriese? Albern. Und der Andromedanebel gar kein Nebel, sondern 100 Milliarden Sterne? 100 Milliarden! Holy shit. Das Teleskop hat das Universum verändert und uns in den Staub gestossen. (Ähnliches leistete nur der Dudelsack.)


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Niemand verwundert es daher, dass Teleskope zu Wallfahrtsstätten wurden und ihre Erbauer dem Universum Demut entgegenbringen. Im Gegensatz zu den restlichen Gebäuden der Welt, die mit ihren Ecken und Kanten scharf in den Äther schneiden, sind Teleskopkuppeln kugelrund – genau wie Planeten, Sterne, Sternhaufen. Die energetisch günstigste Form, nach der jeder gasförmige Körper im Vakuum strebt, als Kuppel steht sie in hundertfacher Ausführung auf den heiligen Bergen.

Bis wir irgendwann lange genug in das Universum gestarrt hatten, um es verachten zu lernen. In ein paar Milliarden Jahren von der Sonne verschluckt. Noch etwas später mit dem Andromedanebel kollidiert. Und bereits in zehn hoch hundert Jahren sind alle Protonen zerfallen, alle Schwarzen Löcher verdampft, nichts bleibt übrig. Hell, schon in zehn Minuten könnte Eta Carinae explodieren und tausende Zivilisationen in den Tod reissen. Das Universum ist geistlos und voll mit jugendlichem Zerstörungswahn.

Deshalb geschieht es dem All nur recht, wenn wir ihm neuerdings zum Trotz eckige Kuppeln aufs Dach stellen. Sie nach japanischen Autos benennen. Und von James Bond veralbern lassen. Ecken, mach uns das erstmal nach.


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"Madagascar 2", Eric Darnell/Tom McGrath (2008)

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