Riesenmaschine

24.01.2008 | 15:23 | Fakten und Figuren | Sachen anziehen

Unscharf ist das neue Schwarz


Unscharf: Nicht unscharf. (Quelle)
Als Robin Williams im Woody-Allen-Film Deconstructing Harry von 1997 eines Tages feststellt, dass er unscharf ist und so zum Gespött seiner Kinder wird ("Dad is out of focus!"), haben wir uns noch mit ihnen gefreut, dass die alte Nervensäge endlich mal ihr Fett weg kriegt. Wer hätte geahnt, dass Williams schon damals der Avantgarde eines Trends angehörte, der erst zehn Jahre später die Modebranche frontal erwischen würde: unscharf. Das Bildverbot des Islam, mehr noch die schärfere Fassung des Rechts am eigenen Bild haben zur gängigen massenmedialen Praxis des Maskierens, Unkenntlich-Machens und Überpixelns geführt, die von den Modemachern der realen Welt nicht unbemerkt und unkommentiert bleiben wird. Neben der bereits erwähnten Armbanduhr gibt es passend zum 8Bit-Schlips mittlerweile auch grobgepixelte Colliers für die Damen. Den Gepflogenheiten US-amerikanischer Reality-Talkshows folgend, die Firmenlogos auf der Kleidung der Talkgäste wegpixeln, hat David Friedman von "Ironic Sans" inzwischen Baseballmützen und T-Shirts mit von vornherein ausgepixelten Logos entworfen und auf den Markt gebracht. Demnächst werden wir diesen Effekt auch auf den Laufstegen der Haute Couture bewundern können – dann vermutlich in Form von Gesichtsschleiern aus optischer Plastikfolie. Unscharf wird das neue Schwarz sein.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Uhr mit Ecken


23.01.2008 | 22:15 | Sachen kaufen | Sachen anziehen

Uhr mit Ecken

Es gibt viele Gründe, die Icon Watch (via Retro To Go) zu loben, genau genommen sieben. Erstens gibt es jetzt endlich eine Armbanduhr, die mit dem schon lange erhältlichen Pixel-Schlips kombiniert werden kann, man konnte die ganze Zeit ja gar nicht aus dem Haus gehen. Zweitens ist die als Inspirationsquelle für die Icon Watch dienende 8Bit-Ära für die Videospielgeschichte in etwa das, was die Nagetiere für die Evolution sind, also super. Drittens haben wir dieses Jahr noch nicht ausreichend Dinge gut gefunden und wollen keinen Ärger mit der Gewerkschaft bekommen. Viertens ist es auf eine Art sehr amüsant, dass ausgerechnet eine Uhr im 8Bit-Design keine Digital-, sondern eine Analoguhr ist. Fünftens kommt die Icon Watch aus Korea, dem besseren Japan mit der schöneren Schrift. Sechstens stehen die Chancen gut, dass Kollege Friebe genau diese Uhr zum Anlass nehmen wird, eine weiter gefasste produkt- und kulturwissenschaftliche Einordnung zu schreiben, auf die man sich jetzt schon freuen darf (morgen dann). Und siebtens und vor allem wurde die ganze Überkommenheit des Uhren-Konzepts selten so deutlich auf den Punkt gebracht wie hier.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die alte Eckigkeit


09.12.2007 | 02:25 | Alles wird besser | Sachen anziehen

Der neue Twingo

Der neue Renault Twingo ist da. Hier ein zufällig aufgenommener Schnappschuss eines Erlkönigs in der Berliner Torstrasse. Der alte Twingo, bekannt als rollendes Kindchenschema, galt hausintern als Problemfall: viel gemocht, von einigen sogar heiss geliebt, von der Masse aber wenig gekauft. Eine Renovierung des 1993 eingeführten niedlich dreinblickenden Kleinwagens nach dem Vorbild von VW-Käfer oder Mini war überfällig. Nur wie vorgehen? "Die eine Hälfte der Firma wollte wieder ein mystisches Auto machen, die andere warnte davor. Wir ruderten im Zickzack und waren dabei, uns selbst abzuschiessen," so Renault-Chefdesigner Patric Le Quément in brandeins. Letztlich habe sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass gerade junge Menschen ein Auto suchen, mit dem sie als Erwachsene ernst genommen werden. Man entschied sich deshalb für einen radikalen Neuanfang und ging volles Risiko: die vertraute Niedlichkeit wurde restlos aufgegeben zugunsten einer insgesamt bulligeren Erscheinung mit kantiger Linienführung. Akzentuiert wird dieser neue Charakter durch martialisch wirkende Details wie den Raupenantrieb und einen hydraulischen Heckspoiler, der bei 30 Stundenkilometern automatisch ausfährt. An den alten Twingo erinnert nur noch der Name, den abzuändern schlicht zu teuer gewesen wäre. Autojournalisten weltweit begrüssen den mutigen Schritt von Renault, bemängeln aber die insgesamt unausgewogenen Proportionen des Fahrzeugs: Das ausladende Chassis wirke im Verhältnis zum schmalspurigen Kettenfahrwerk doch ein wenig überfrachtet.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Poesie und Alltag


20.11.2007 | 14:42 | Sachen anziehen

Tragbar


Mit RFID in T-Shirt und Wandschrank kann man sich auch abends bequem mit der Kleidung der Kollegen abstimmen. (Foto: adactio) (Lizenz)
Lauter gute Nachrichten: Wearables sind gar nicht tot, sie riechen nur ein bisschen komisch. Ein paar australische Informatiker – vor Jahren hätte man sie Nerds genannt – sind auf die Idee gekommen, der Kleidung RFID-Chips mitzugeben, die im Schrank ausgelesen werden. So hat man einen Überblick, welchen Pulli man im Kaffee Burger angezogen hatte. Aber was reden wir von Pullis, die Zielgruppe für solche Technologie sind natürlich die Leute, die an der Front des modernen Verkaufsgeschäfts kämpfen und für die es essentiell ist, nicht wieder den gleichen gestreiften Anzug zum Geschäftsessen oder zum zweiten Date mit dem Elite-Partner anzuziehen, wie die Ontario-Ausgabe von Business Edge ausführt.

Zugegeben, Killerapplikationen sehen anders aus. Aber da Computer seit ein paar Jahren eher in die Hosentasche gesteckt, als vor den Bauch gebunden werden, müssen sich die Ideengeber wieder was für die Wearable-Forschung einfallen lassen. Es wäre beängstigend, wenn sich junge Informatiker nun über automatisierte Anzugwahl Gedanken machen sollen. Aber wahrscheinlich ist das Konzept um die integrierte Erinnerungseinrichtung für das Wäschewaschen herumgedacht. Danken wir den Erfindern wenigstens für das Wässern des verkümmernden Informatikerklischees.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Godot Trends II: Wearables


16.11.2007 | 23:36 | Sachen anziehen | Vermutungen über die Welt

Škoda machts vor


Lifestyle mal anders
Neben eigenen Fahrrädern als untaugliche Versuche, den Flottenverbrauch auf dem Papier zu drücken, gehört mittlerweile eine eigene Kollektion von Kleidung und Accessoires als flankierendes Beiwerk zum obligaten Repertoire einer jeglichen echten Premium-Automarke – und sei es nur, damit die Showrooms in A-Lagen neben den Flagshipstores der Haute-Couture-Labels nicht so trist abfallen. So begab es sich, dass auch die ambitionierte Sub-Prime-Marke Škoda (denkwürdiger Slogan: "Bei Aldi Champagner kaufen und Škoda fahren – perfekt.") sich eine ebensolche eigene Superb Kollektion zulegte und damit einen vorbildlichen Case von "Brand Stretching" kreiert, der durch seine subtile Raffinesse besticht.

Denn statt auf den vordergründigen Effekt zu setzen und etwa die namensverwandte Modedemacherin Claudia Skoda zu heuern, die mit ihrem Strickpunk-Design nun wirklich nicht zur Marke gepasst hätte, ist man bei Škoda das Thema grundlegender angegangen, hat sich "vom edlen Superb Design" inspirieren lassen und auf diese Weise einen perfekten Fit zur Marke erreicht. Unter Rückgriff auf führende Designer der Häuser Kik und Zeeman wurde ein Look kreiert, der in seiner zeitlosen Formensprache auch über den Tag hinaus Bestand hat, und damit dem Bedürfnis der Škoda-Fahrer nach langlebiger Wertigkeit entspricht. Auch die dominierenden Farbtöne, gedeckte Ocker-, Apricot-, Aubergine- und Beige-Nuancen, sind zeitlose Klassiker und werden so schnell nicht aus der Mode kommen. Die grosszügigen Schnitte richten sich an eine spontan-hedonistische Zielgruppe, deren Zeit vor dem Fernseher zu kostbar ist, um sie zu lange am Herd zu verbringen, und die deshalb gern auf die bewährten Angebote der Fast-Food-Industrie zurückgreift. Hier sitzt buchstäblich jedes Detail, wenn man bei der Ärmellänge – ein Tribut an das markentypische "Offshorings" – mal grosszügig ein Auge zudrückt. Für die Präsentation in einer Schaufensternische im Automobilforum unter den Linden in Berlin schliesslich hat man auf ausrangierte Schaufensterpuppen eines liquidierten Modehauses zurückgegriffen: eine augenzwinkernde Absage an überzogenen Perfektionswahn und Hochglanz-Schicki-Micki, die direkt ins Herz des Leitmilieus trifft. Damit ist die Škoda-Markenwelt vollends im Lifestyle angekommen.


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