Riesenmaschine

09.02.2010 | 13:52 | Essen und Essenzielles

Strom ohne Elektronen


"Authentische Funktionalitäten brauchen explizit ein gewisses Mass an Kohlehydraten für ihre jeweilige Wirkung."

Immer noch klafft einen riesige, gigantische, megagrosse Lücke zwischen Softdrink und Wasser. Ein Grand Canyon der Versorgungsmittelindustrie, achwas, ein Grosser Roter Fleck der Schande, und gleichzeitig ein Grosser Attraktor für Werbephantasten. Eine wundervolle Hohlraumstrahlung, in irgendeiner gewissen Weise.* Und ausserdem irgendwie das Geschäftsmodell von Energy Brands, die seit 1996, 1998 und 2000 Smartwater, Fruitwater und Vitaminwater verkaufen. Komisch, kommt einem wie neulich erst vor. Das Geschäftsmodell von Venga – Functional Infusions lautet, alles wie Energy Brands zu machen, nur zehn Jahre später und weniger lustig. Darüber kann man jetzt gern lachen, aber erst mal was Besseres ausdenken. Nagut, oder halt erst mal darüber lachen.

Oder vielleicht verstehen wir das alles auch falsch. Vielleicht ist die Fastwasserbranche ein Ironielabor und immer schon einen Schritt weiter als unsere im Gehirn fest angeschraubten Ironiedetektoren. Während die Commercials für Vitaminwater mit holzhammer-, ach was, atombombenhaften Dosen an Ironie versetzt wurden, spielt man bei Venga eventuell schon in einer anderen, noch nicht messbaren Liga.** Schon in wenigen Jahrzehnten werden wir es für die Höhe an subtilem Humor halten, wenn schwindsüchtige Kinder als Beispiel für körperliche Stärke herhalten müssen, nur eine der enigmatischen Werbebotschaften des neuen Ironiemonopolisten.

Oder wenn die Werbung für Venga behauptet, es gäbe ohne Strom kein Licht. Vielleicht gibt es in ein paar Jahren ohne Strom wirklich kein Licht mehr. Die Zukunft ist ein grosses Rätsel.***

* Wissenschaftsmetaphorik war früher besser.
** Aber welche Liga ist schon messbar? Fragt man sich.
*** Eine Lektion, die man seltsamerweise aus der Vergangenheit lernt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Are we crazy? Maybe!


08.02.2010 | 01:31 | Anderswo

Ontologisches Reisen


Anwohner (Foto, Lizenz)
Tourismus ist eine Sackgasse. Mal kurz an einem fremden Ort sein, wie es vom Touristen verlangt wird, kann man sowieso nicht. Die meisten Leute behelfen sich damit, eine Idee über einen Ort zu haben (in ihrem Kopf), sie dann mit Informationen aus Reiseführern anzufüttern (in ihrem Kopf) und dann den Ort aufzusuchen. Sie glauben, an diesem Ort zu sein, was sie jedoch in Wahrheit besuchen, ist das Vorurteil (in ihrem Kopf). Seltene Ausnahmen, in denen z.B. gerade ein Krieg ausbricht oder ein Vulkan, sollen mal nicht weiter diskutiert werden. Am Ende werden Fotos gemacht und den Kindern gezeigt. Der Ort lebt ungestört weiter.

Es gibt nichts, was man dagegen unternehmen kann, aber aus Protest kann man zumindest das Gegenteil tun. Statt sich einzubilden, am Ort X zu sein, während man in Wahrheit vorwiegend im eigenen Kopf ist, macht man folgendes: Man fährt konzeptlos an einen Ort Y und bildet sich dann ein, gar nicht dort, sondern im eigenen Kopf zu sein.

Nirgendwo kann man so gut nicht daran glauben, an einem Ort zu sein, wie an einem Ort, der vielleicht gar nicht existiert. Es gibt nicht viele dieser bielefeldartigen Orte, aber bei den wenigen handelt sich fast ausnahmslos und pflichtgemäss um Gegenden ohne jedes Selbstwertgefühl, im inneren North Dakota sozusagen. Man würde gern wissen, ob bei Trivial Pursuit gefragt wird, was Molise, Matlock, Belgien, Petach Tikva, Worksop gemeinsam haben. Und wie hoch die Dichte an psychologischen Beratungsstellen in diesen Orten ist, Informationen, die man im Internet, dem Bielefeld der Herzen, vergeblich sucht.

Beim chilenischen Bielefeld zum Beispiel handelt es sich um ein grosses Dorf namens Combarbala irgendwo in der Wüstenei, eine knappe Tagesreise nördlich von Santiago. Wir haben dieses Nichtding kürzlich mal ausprobiert und folgendes ist zu berichten. Combarbala hat dem Antitouristen im Vergleich zu Bielefeld folgende zwei Vorzüge zu bieten: Tiere und Internet, beides kostenlos und frei herumlaufend. Mehr gibt es dort nicht, aber das wäre jetzt schon zuviel verraten.


17.10.2009 | 00:36 | Nachtleuchtendes | Vermutungen über die Welt

Adiabatische Apokalypse


Der Autor bei der Erschaffung von Dänemark
Das darf doch wohl nicht wahr sein. Erst mussten wir uns mit der Idee anfreunden, dass sich der frühe Kosmos wie ein Irrer ausdehnte, viel schneller als heute so üblich. Jetzt, wo wir das endlich eingesehen haben, obschon unter Hadern und Klagen, kommen so ein paar Leute aus Princeton und behaupten, es sei ganz anders. Und zwar sei es Zeit, über die Zeit vor dem Urknall zu reden. Genaugenommen seien da zwei Welten kollidiert. Dann noch irgendwas mit Superstrings, und schliesslich kam es zu einer ultralangsamen, adiabatischen Kontraktion, an deren Ende das heisse Ding steht, aus dem das heutige Universum, flach und glatt wie es ist, sich wundersam emporquält. Das Ganze führt den schönen Namen Ekpyrosis; ein Wort, das man sich nicht mal merken muss, denn es steht schon in der Wikipedia, erklärt als das finale Feuer, der apokalyptische Weltenbrand, aus dem das Neue entsteht. Das Neue, das sind wir: Fusspilz, Zweites Deutsches Fernsehen, Mu-Neutrinos. Alle zusammen sind wir Kinder der adiabatischen Ekpyrosis.


27.09.2009 | 17:29 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Are we crazy? Maybe!

Als dieses Jahr Billy Mays an einer seltsamen Drogenmischung starb und Vince Offer verhaftet wurde, nachdem er von einer Prostituierten in die Zunge gebissen wurde, wurde es still in der Welt des Infomercials. Keine andere Branche, vielleicht abgesehen von Profi-Golf, Buzkashi* und Kochen, hängt so stark von ihren Superstars ab. Nostalgisch sassen die Aficionados vor den Geräten und spielten die Vince-Klassiker ShamWow und SlapChop auf Endlosschleife. Niemand sprach ein Wort. In Gedanken stritt man sich abermals darüber, ob ShamWow wirklich eine billige Imitation von Mays' Zorbeez ist oder umgekehrt. "You know the Germans always make good stuff", sagten die Diehard-Fans zu sich selbst, während sie melancholisch ihren Schäferhund abtrockneten. Erneut wurden in langen Abenden die alten Vince vs. Billy Argumente durchgezogen, bei billigem Bier, das nach Reinigungsmittel schmeckte. Vince, der zu sagen scheint: Hey, ich bin ein reisserischer Scharlatan, aber das macht nichts, denn mein Produkt ist super. Und Billy, der extrem laut, aber als freundlicher Kumpel seine Lappen unters Volk bringt – mit dem Hauptargument, dass er einer von uns ist, Kokain hin oder her. Es waren wie gesagt traurige Monate.

Die Rettung und Wiederbelegung des klassischen Verkaufsvideos kam schliesslich vor wenigen Tagen ausgerechnet von Canadian Celebrity Steve Nash, überraschenderweise im richtigen Leben nicht mal Scharlatan, sondern Point Guard, genaugenomen der zweitbeste der letzten Dekade, und ausserdem der bescheidenste Mensch der Welt. Nashs vollendete Konflation aus Hyper-Schtick ("like you just wanna bust out"), billigster Computergrafik, 80er-Jahre Farbverläufen, Musik von der ZDF-Hitparade und vorbildlicher Produktverarschung folgt der Vince-Logik, die Verkaufslüge nicht redundant, sondern retorsiv ("I don't know, it sells itself") anzubringen, was auch immer das jetzt genau heissen mag.

* Eine afghanische Art Polo, anstatt eines Balles verwendet man eine tote Ziege.


19.08.2009 | 01:52 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Embracing Blight


Fassade von Honest Ed's in Toronto, cirka 2020 (Originalfoto von Greencolander, 2008)
Wie bei allen philosophischen Supertrends waren die Anfänge von Embracing Blight scheinbar irrelevant und pathologisch. Kathrin Passig musste sich von Teenagern auf offener Strasse "erfolglose Kolumnistin" rufen lassen, als sie im Jahr 2004 damit anfing, kaputte Wäscheständer zu fotografieren. Aleks Scholz wurde von US-Sicherheitsbehörden als "geisteskrank, aber harmlos" eingestuft, nachdem er 2001 das Konzept Airport Hiking entwickelt hatte. Und Moritz Metz schliesslich, der Erfinder von Europep, verlor gar seine Ehrenmitgliedschaft im Mensaverein, als seine seltsamen Neigungen für unschöne Autoaufkleber bekannt wurden.

Embracing Blight, die Umarmung der hässlichen Auswüchse des Alltäglichen, entstand hierzulande aus inkonkreten und zufälligen Ansätzen. Was die drei Riesenmaschinenautoren in diesen harten Jahren nicht wussten: Wie so oft in der Evolution der Dinge entwickelt sich zur selben Zeit in Kanada eine analoge Daseinsform von Embracing Blight: Not Fooling Anybody und sein Schwesterprojekt Cloney Times dokumentieren in beispielloser Genauigkeit und beinahe gewalttätiger Energieverschwendung die hässlichen Fassaden von Fastfood- und sonstigen Läden. Insbesondere geht es hier um die Verwandlung der Fassaden, entweder durch Löschen und Ersetzen, oder aber, im Falle von Cloney Times, durch Kopieren und Einfügen. Unvollkommenheit und Veränderung sind die Leitmotive sowohl dieser Chronik als auch der Gegenwart.

Gleichzeitig liefert Liz Clayton, Schöpferin von Not Fooling Anybody, das originale Manifest der jungen Bewegung und begreift dabei als Erste den Gesamttrend: Embrace blight! We have no other hope. Und somit bricht eine neue Zeit an – die einzige Zeit, die wir noch haben. Es gelten nur zwei Grundregeln: 1) Empirische Präzision. 2) Ästhetische Gleichgültigkeit. In der indirekten Nachfolge von Post-Nihilismus, Post-Antirealismus, Post-Post-Moderne und natürlich Post-Apokalypse schält sich "Embracing Blight", die neue Form der Wirklichkeitsbetrachtung, aus ihrer brüchigen Eischale und betrachtet aufmerksam und gelangweilt die verschandelte Welt.


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Gesamt: 3 Punkte


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