Riesenwaschmaschine

02.11.2012 | 00:14 | Anderswo | Fakten und Figuren

Ach wie flüchtig, ach wie wichtig


"Vergänglichkeit", Dresden. Die ursprünglich das Denkmal krönende Seifenblase
wurde im 2. Weltkrieg zerstört. (Foto: Kathrin Passig)

So vieler wichtiger Dinge wird weltweit in Marmorstein und Eisen gedacht: Männer auf Pferden, sehr grosse Männer auf sehr grossen Pferden, Männer falschherum auf Pferden, Männer falschherum ohne Pferd, Robocop, Käsemilben, Wiarton Willie, Penisse, grössere Penisse, aber auch Daumen, Riesenstühle, Haifische, die in Hausdächern stecken, aufgespiesste Insekten, Ho Chi Minhs Hintern, Tiere, die im Krieg gedient haben, Carhenge, Büroklammern, Büroklammern, Gabeln, Gabeln. Aber zu selten gedenken wir einer der wichtigsten Angelegenheiten, der Vergänglichkeit. Vermutlich, weil wir zu selten an sie erinnert werden. Es sei denn, wir halten uns gerade in Dresden auf, wo ein dauerhaftes Spezialdenkmal die Vorüberkommenden mahnt: Bedenke, Mensch, dass du nicht aus Stein bist! Nicht dass du viel davon hättest, wenn du aus Stein wärst, schau mich an, früher oder später erwischt es uns alle, dich etwas früher als mich, du glibbriges Spektakel. Wer jetzt keinen Bausparvertrag hat, kauft sich keinen mehr.


28.10.2012 | 10:55 | Alles wird besser | Fakten und Figuren | Effekte und Syndrome

Hydrodynamisches Utopia

Die Sowjetunion konnte Bodeneffektfahrzeuge und sie konnte Grössenwahn. Die Kombination beider Fähigkeiten ergab das Kaspische Monster, das grösste Ekranoplan der Welt und bis heute eines der grössten und schwersten Dinge, die je kontrolliert die Erdoberfläche verliessen. Die Bilder und Videos vom KM sind dermassen ergreifend, dass sie weltweit mehrere Menschen dazu brachten, ihren Facebookstatus zu updaten. Das KM wirkt heute wie ein Anachronismus, ein Fehler in der Evolution, ein gigantisches Mysterium, interessant nur, weil es bizarr ist, ausgestorben, weil es nicht in die Welt passte, und damit in einer Kategorie mit den Dinosauriern, den antiken Steinkreisen und den überdimensionalen Brotschneidemaschinen der frühen Siebziger.


Pelikan demonstriert Bodeneffekt (Quelle)
Wenn das Kaspische Monster reden könnte, würde es an dieser Stelle widersprechen. Es würde uns erklären, dass es wegen des sogenannten Bodeneffekts genauso schnell ist wie Flugzeuge, aber genauso viel transportieren kann wie Schiffe, das Beste aus zwei Welten. Die beste Tragfläche ist unendlich lang, sagt das Monster, und verwendet darum eine unendlich lange Randbedingung – die Erdoberfläche –, um die ineffizienten Wirbel am Ende der notgedrungen endlichen Tragfläche unter Kontrolle zu halten. Der Bodeneffekt ist einer der vielen schönen unbekannten hydrodynamischen Effekte (siehe auch Coanda-Effekt), die gewaltige Kräfte freisetzen können, Kräfte, die direkt aus dem unordentlichen Herzen der schönen, alten Physik kommen.

Klar ist auch, dass die uns bekannten Technologien nur einen winzigen Teil des möglichen Spektrums aller technischen Lösungen abdecken, ein Teil, an dessen Rand das Kaspische Monster herummanövriert. Ohne das Genie von Alexejew, die Launen von Chruschtschow und die Zentralgewalt des sowjetischen Regimes, das unbegrenzt Mittel in ein langfristiges Projekt mit unbekanntem Ausgang pumpen konnte, hätte es das Kaspische Ekranoplan nie gegeben. Welche hydrodynamischen Monster würden andere unwahrscheinliche Umstände hervorbringen? Wieso benutzen wir Autos und keine VTOL-Fahrzeuge? Wieviele Riesenmaschinen haben wir noch nicht gesehen? Leider kann das Kaspische Monster nicht reden.


25.10.2012 | 00:25 | Fakten und Figuren | Sachen kaufen | Listen

Die 478 Phasen der Zukunft


Statt Kalender (Foto: Kathrin Passig)
Lange war die Riesenmaschine unaufmerksam, ungezählte Neuerungen auf dem Spülmaschinentabsektor zogen unerforscht an uns vorüber. Die siebte Phase wurde im Jahr 2007 von Tex Rubinowitz untersucht, dessen hellsichtige Prognose "Jede Wette, dass nächstes Jahr (2008!) eine achte Phase dazu kommt" sich auch umgehend (2008!) bewahrheitete.

Laut Wikipedia handelt es sich bei den ersten sieben Phasen um 1. Geschirrreiniger, 2. Klarspüler, 3. Wasserenthärter, 4. Glasschutz, 5. Spülkraftverstärker, 6. Edelstahlglanz und 7. Power-Entkruster. Seit 2007 hinzugekommen sind "Silberschutz", "Niedrigtemperatursystem", "Maschinenschutz", "Geruchsneutralisierer" und der "Extra-Schnell-Trockeneffekt". Zwar beinhalten die 12-Phasen-Tabs von "ja!" "alle wichtigen Funktionen in nur einem Tab", aber aus den beiden Datenpunkten "7 Phasen im Jahr 2007" und "12 Phasen im Jahr 2012" lässt sich errechnen, dass Spülmaschinenforscher bis zum Jahr 2500 weitere 478 wichtige Funktionen entdecken werden. Zunächst natürlich die naheliegenden, "Funktionsverstärker", "Dosierkammer-Reinigung" und "In-der-Schachtel-Enthalten-Sein", später folgen "Spülmaschinenein-und-ausräumsystem", "holt die Kinder von der Schule ab" und "Anti-Migräne-Effekt", bis die Menschheit schliesslich in die Ära der Spülmaschinentab-Funktion "Neue Spülmaschinentab-Funktionen ausdenken" eintritt. In etwa 10100 Jahren werden Spülmaschinentabs alle im Universum vorhandenen Funktionen übernommen haben.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die siebte Phase


21.10.2012 | 09:51 | Anderswo | Supertiere | Sachen kaufen

Endangered Animals Erasers

Radiergummis sind generell ein konfliktreiches Thema. Man erinnere sich nur an die viele träge Schultage überschattende Frage, wofür die blaue Seite ist. Es hiess, man könnte mit ihr Tinte radieren, aber das war eine Lüge. Auch ihr Geschmack war ein klein wenig fader als der der rötlichen Seite. Über die Kikkerland Design Inc. kann man seit einiger Zeit "Endangered Species Erasers" bestellen: bunte Radierer in der Form von Gorilla, Nashorn oder Eisbär. Zwei Prozent der Umsätze mit den Radierern gehen, so versichert die Website, an ein "Center for Biological Diversity". Auf Inhabitots.com – "Your Guide to green parenting, eco baby & green kids" [sic] – schreibt Julie Seguss hoffnungsvoll: "PVC-free Endangered Species Erasers Help Kids Remember Vanishing Animals".

Abgesehen von den im Tierschutz-Kontext etwas unglücklichen Formulierungen wie "Rhino Eraser" oder "Polar Bear Eraser", scheint der Nachhaltigkeitsgedanke dieses Produkts paradoxerweise erfüllt. Denn für die meisten Menschen stellt ein Radiergummi tatsächlich einen äusserst beständigen Gegenstand dar. Wer, der noch ganz bei Trost und frei von repetitiv-rhythmischen Zwangshandlungen ist, würde je einen ganzen Radiergummi wegradieren? Vorher kauft man sich doch einen neuen.


RHINO ERASER
Aber sehen wir uns dieses rote Nashorn an. Geht nicht eine dunkle Anziehungskraft von dem hervorstehenden Horn aus? Bestimmt ist es weich und lässt sich hin und her biegen. Es wegzuradieren scheint ein Leichtes, irgendetwas tief in uns verlangt danach, vor allem, wenn man ein Kind ist, das weit mehr Freude an Metamorphose als an Nachhaltigkeit empfindet. Nach kurzer Zeit würde das Gumminashorn ohne sein Horn dastehen, so wie das echte Tier, an dessen Leid es erinnern soll. Chinesische Potenzmittel. Jemenitische Dolchgriffe.

Ausserdem: "Help Kids Remember"? So sicher es auch sein mag, dass das vom Aussterben bedrohte Tier niemals zur Gänze wegradiert werden wird, so sicher ist es auch, dass ein kleiner Teil, ein hervorstehender, auf alle Fälle dran glauben muss. Als erstes würde mit Sicherheit die Schnauze des Eisbären verschwinden, die Schädeldecke des Gorillas, das biegsame Horn. Und die Form des im Gedächtnis der kommenden Generation zu bewahrenden Tieres wäre für immer verändert.

Und doch bleibt es eine interessante Idee: ein Produkt so zu designen, dass es – unter idealen moralischen Vorraussetzungen des Käufers – nicht mehr nach seiner eigentlichen Funktion verwendet werden kann. Das Design des Produkts erweckt Mitleid und verhindert, dass das Produkt überhaupt je zum Einsatz kommt. 'Design vs. Funktion' als ethisches Dilemma. Aber der Gummi, der als verwendetes Material ebenfalls zum Designkonzept gehört, erweckt vielleicht auch andere, dem Mitleid entgegenwirkende Ideen – er ist weich, formbar, er schreit nach Veränderung.

Die "Endangered Wildlife Erasers" sind nicht die erste Erfindung ihrer Art. Eine Internetsuche ergab bei "endangered wildlife soap" tatsächlich einige Treffer. Die Drogerie-Kette The Body Shop verkaufte im Jahr 1991 ihre Animals in Danger Soap. Seifenstücke in der Form von bedrohten Tierarten, von deren Verkauf ebenfalls ein bestimmter Prozentsatz einen guten Zweck unterstützte. Doch wenn ein Seifenstück aufgebraucht war, kam, als Überraschung, eine kleine Spielfigur desselben Tieres zum Vorschein, die man sich dann tatsächlich irgendwo hinstellen konnte – für immer. Aber das war 1991.


11.10.2012 | 22:29 | Nachtleuchtendes

Der grosse Feuerball von 2012

Die meisten werden es nicht mitbekommen haben, aber am 21. September dieses Jahres ist die Erde mit etwas Grossem, Schweren kollidiert. Natürlich hatte die Riesenmaschine dieses Ereignis korrekt vorhergesagt und einen Korrespondenten nach Irland entsandt, der genau das mitbekam, was man im Video sehen kann. Der Korrespondent hatte leider nicht antizipiert, dass es praktisch gewesen wäre, eine Kamera mitzubringen, sonst könnten wir auch noch unsere eigenen spektakulären Bilder zeigen.

Die eigentliche Frage jedoch sieht anders aus. In etwa so: WTF? Unser Korrespondent vermutete natürlich, dass es sich schon um irgendein Raumschiff aus der Hölle handeln wird, nicht sein einziger Fehlschluss an diesem Abend. Danach traten auf der Suche nach der Wahrheit Menschen auf den Plan, die seltsamen Organisationen angehören und Hobbies haben, von deren Existenz man zwar ahnte, aber doch nicht so recht wissen wollte. Zunächst fand der "Satellite Tracker" Marco Langbroek heraus, dass es sich keinesfalls um einen menschgemachten Satelliten handeln konnte, der da hilflos vom Dach runterfiel. Stattdessen sei es ein Stück Stein gewesen, ein Felsen aus dem richtigen Weltraum da draussen, der in die Atmosphäre eintrat und dabei in seine Einzelteile zerbrach.

Wenige Tage später meldete sich der Mathematiker Esko Lyytinen zu Wort, Mitglied der "Finnish Fireball Working Group of the Ursa Astronomical Association". Ah, ja. Er habe ausgerechnet, dass der Felsbrocken nach seinem Besuch in Irland um die Erde herumkatapultierte, dann erneut in die Atmosphäre eintrat und anschliessend in Kanada zur Ruhe kam, ganz klar ein hervorragend aberwitziges Szenario. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass es falsch ist. So jedenfalls der kanadische "Meteorexperte" Robert Matson, es stimme einfach hinten und vorne nicht, sagt er sinngemäss. Zwei andere Experten von der British Astronomical Association (offenbar eine professionelle Spassorganisation) bestätigen das: Nach ihrer Analyse landeten die Teile des Felsens, die Irland überlebten, entweder in Florida oder aber in Kuba, Zentralamerika, Australien, Neuseeland, Arabien, Türkei oder in Südeuropa. Oder halt im Nordatlantik, im Pazifik, oder im Indischen Ozean. Zumindest sei dies am wahrscheinlichsten. Verrückt! Es ist davon auszugehen, dass dieses hochexakte Ergebnis noch nicht das Letzte ist, was wir vom grossen Feuerball gehört haben.


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"Four Lions", Chris Morris (2010)

Plus: 1, 3, 8, 21, 24, 25, 31, 37, 69, 80, 89, 97, 116, 132, 138
Minus: 27, 64 doppelt, 117
Gesamt: 11 Punkte


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