Riesenmaschine

28.02.2011 | 01:59

"Somewhere", Sofia Coppola (2010)

Plus: 6, 34, 37, 55, 56, 63
Minus: 93, 128, 160
Gesamt: 3 Punkte

Kulturkritikautomat | Dauerhafter Link | Kommentare (7)


25.02.2011 | 09:02 | Berlin | Zeichen und Wunder

High End Irresein


Zwischen Lena und Canyon-Koller wohnt der wahre Wahnwitz
Der Wahnsinn hat viele Gesichter, kommt gewandet in unterschiedlichster Gestalt und sickert allerorten durch die Ritzen des vermeintlich vernunftimprägnierten Alltags. Leserbriefschreiber und Blog-Kommentatoren sind nur die harmlosen Herolde dessen, was da draussen an gleissendem Irresein herumgeistert und sich an den Klowänden des Real life manifestiert. Die Königsklasse bilden in der Regel händisch im öffentlichen Raum applizierte Verlautbarungen von Verschwörungsopfern, Verfolgungswahnsinnigen und manisch Getriebenen, die gerade in Berlin so sonder Zahl sind, dass man davon kaum noch Notiz nahm. Aber das, was da jüngst harmlos eingepfercht zwischen Lena und Danny Boyle in der Nähe des Alexanderplatzes als Menetekel an einem Bauzaun erschien, verdient neuerlich unsere Beachtung. Markiert es doch eine neue Liga der hohlraumversiegelten und gleichzeitig hyperperzeptiven Komplettverstrahltheit: "8 % der [deutschen] Bevölkerung haben professionell als DVU die Post gestohlen zwischen NY + Kirche!" Da denk mal drüber nach, Welt! Und gleich danach, ob nicht doch etwas an den Gerüchten dran ist, dass die Zugvögel auf ihrer Durchreise das Berliner Leitungswasser mit LSD versetzt haben, um so das Lokalderby Freimaurer gegen Allgemeine Ortskrankenkasse auf dem Heiligengeistfeld zu manipulieren.


21.02.2011 | 00:28 | Anderswo | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt

Sinnlosestes Produkt der Welt entdeckt!


Natur versus Kapitalismus: Es steht Unentschieden
Nicht nur um zu ihrer alten Stärke zurückzufinden, hat sich die Riesenmaschineredaktion für eine Arbeitswoche auf Fuerteventura zurückgezogen. Schnell wurden die unterschiedlichsten Konzepte zu einer weiteren Verbesserung der Welt entwickelt. Ein erster Entwurf sieht etwa vor, die Natur zukünftig marktwirtschaftlich zu organisieren. In einer funktionierenden Privatwirtschaft wäre es nämlich nahezu undenkbar, dass ein Produkt wie Sand seit Jahrtausenden keinen Deut weiter entwickelt würde. Einfach mal hinschütten und gut ist – sowas gibts im Kapitalismus nicht. Längst gäbe es nicht-scheuernden, nicht-klebenden und kinderfreundlichen Kunstsand in verschiedenen Geschmacksrichtungen, den man nicht ständig aus dem Haus wischen müsste, weil er gar nicht erst zwischen den Zehen kleben bliebe.

Fröhlich brachte Friebe ein Sixpack Bier, zufrieden mit der gewonnen Erkenntnis und dem der Welt geschenkten Benefit, während Albers eine Chipstüte öffnete. Oder zumindest das, was er dafür hielt, ein Produkt namens "Picos Camperos". Doch was da zu knabbern drin war, stellte sich als so sinnlos und unnütz heraus, dass die gute Laune fassungsloser Enttäuschung wich: Albers hatte das sinnloseste Produkt der Welt geöffnet; es ist weder salzig noch süss, weder knusprig noch fluffig, weder gut noch schlecht. Es ist Mehl, das von den Kräften der eigenen Stärke in seiner pasta-ähnlichen Form gehalten wird. Geschmack hat es keinen. Wer stellt so was her. Und warum? Ohne dass ein Wort darüber hätte gesprochen werden müssen, war der ganzen kleinen Firma klar: Es hätte in der freien Natur nicht überleben können.

Zweifel mischten sich in die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Schweigend wurde das Abendessen eingenommen. Früh gingen alle ins Bett.


16.02.2011 | 14:26 | Anderswo | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Snickers ist das neue Mars (in China)


5% of the creativity spent on this text will be donated to the Alzheimer's Association
Seit Neuestem ist in China diese elegante Doppelpackung Snickers im Handel, der eine 1,5 Volt AAA Batterie der Firma Nanfu beiliegt. Diese Tatsache wird am rechten Rand der Packung noch einmal dick und doppeldeutig unterstrichen. "Neng Liang Zhuang" steht hier, verdeutscht: "Energiepackung". Damit knüpft Snickers- Hersteller Mars Inc. China natürlich auch an den alten deutschen Mars-Slogan der Sechziger Jahre an, der ebenfalls an den Energieaspekt eines Schokoriegels appellierte: "Mars bringt verbrauchte Energie sofort zurück." Snickers – mit zwei Milliarden verkauften Stück pro Jahr der erfolgreichste Schokoriegel der Welt – wurde für diese Form der Schoko-Energiepromotion wohl nur deshalb ausgewählt, da aus bisher ungeklärten Gründen Marsriegel nicht zum Sortiment von Mars China gehören.

Es stellt sich allerdings die Frage: Weshalb nur eine Batterie? Die meisten Geräte, die mit 1,5 Volt AAA Batterien laufen, brauchen mindestens zwei, wenn nicht sogar vier Stück. Eines der wenigen Geräte, das man auch mit einer betreiben kann, ist der Kind Reminder, ein tolles Erinnerungstool für Alzheimerpatienten und andere Leute, die gerne ab und an vom Wasser der Lethe nippen. Wahrscheinlich soll man dieses Teil, so denkt man sich bei Mars China, zusätzlich zur Snickerdoppelpackbatterie erwerben. Dann wird der Kind Reminder mit dem Satz "Snickers kaufen nicht vergessen" besprochen, um einen spätestens beim nächsten Supermarktbesuch an den Erwerb von noch mehr Snickers zu erinnern. Damit hat man ausgerechnet in China höchstwahrscheinlich nichts Geringes als das Perpetuum mobile des Schokoladenriegelverkaufs erfunden, ein Ding, nach dem die Schokoladenindustrie schon seit über hundert Jahren sucht.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Milky Mars

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (12)


13.01.2011 | 10:44 | Supertiere | Alles wird besser | Sachen kaufen | Papierrascheln

Die Nagetiere des Grosskonzerns

Mass Customization, das war ein grosses Ding der letzten Jahre, der Abschied vom Konformismus, das Ende aller kurzen Schwänze. Andererseits ging es dann doch wieder nur um Aufkleber für IKEA-Möbel, und in Wirklichkeit war man nach dem harten Tagwerk in der Kulturindustrie zu erschöpft, um noch individuelle Schuhe oder Schokoladentafeln zu designen. Schon wollten wir uns resigniert die massenfabrizierte Bettdecke über den Kopf ziehen, da fanden wir eine so unerwartete wie naheliegende Lösung in der Post, nennen wir sie Push Customization. Der Grosskonzern Verlag hat ein ganzes Buch auschliesslich für die Zielgruppe Riesenmaschine hergestellt, es heisst natürlich Nagetiere und enthält nichts anderes als das, was wir selbst hineingeschrieben hätten. Eine Leseprobe:

... dass die Ordnung der Nagetiere nicht nur die artenreichste, sondern gleichzeitig auch die beste Ordnung der Säugetierklasse ist. Das ist wissenschaftlich hinlänglich bewiesen und lässt sich durch kurzes Nachdenken von jedem bequem zu Hause nachvollziehen. Umfassen andere Ordnungen meist gar keine guten Tiere oder schwingen sich wie die Raubtiere zwar einerseits zu Höchstleistungen (Mops) auf, um dann aber andererseits auch so Sachen wie Katzen zu enthalten, so reiht sich bei den Nagetieren wirklich Hit an Hit (Eichhörnchen, Flughörnchen, Springmaus, Bilche u.a.) ...

Wie der Verlagsname "Grosskonzern" ist auch der arbeitsscheue Ansatz unmittelbar an den Lifestyle der Riesenmaschine-Redaktion angeschmiegt, denn abgesehen vom Vorwort (das in weiten Teilen aus Satzzeichen besteht) ist das gesamte Buch schon 1932 erschienen, wenn auch weniger schön designt und mit mehr Bildern. Warum auch ständig neue Bücher schreiben, so lange die vorhandenen noch gar nicht alle gelesen sind?

Durch welches technische Wunderwerk diese Leistung möglich wurde, ob durch Extraktion und Pürieren der Riesenmaschine-Inhalte seit 2005 oder durch eine auf das Autorenkollektiv gerichtete Gedankenabsaugemaschine, braucht uns nicht zu kümmern. Wie Garry Trudeau haben wir eine Lebensweise angestrebt, die unsere Anwesenheit nicht erfordert. Diese Zukunft ist jetzt da, schon tun Google und Foursquare es dem Grosskonzern Verlag nach und setzen ebenfalls auf Push Customization in Form von ungebetenen Tipps und autonomer Suche, spätestens übermorgen wird sich die ganze Welt anfühlen wie ein handbesticktes Nagetier und man wird nicht anders können, als sie von früh bis spät hinter den Ohren zu kraulen.


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"Rhinoceros Eyes", Aaron Woodley (2003)

Plus: 8, 10, 25, 34, 44, 55
Minus: 18, 32, 39, 109
Gesamt: 2 Punkte


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