Riesenmaschine

03.12.2012 | 08:55 | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt | Effekte und Syndrome

Neue Alleinstellungsmerkmale


Scheisse, Boss, da ist ja noch das Klimaneutral-Dings von 2011 mit drauf! Aber merkt schon keiner.
Als die Riesenmaschine noch jung war, Dinosaurier die Erde bevölkerten und irgendwo gerade Steinmetze die ersten Prototypen von Rollkoffer, Crocs und Facebook herstellten, da wurde auf Trendlimonaden noch einzeln aufgeführt, welche ungesunden Dinge nicht darin enthalten waren: "NO fructose syrup, NO sodium benzoate, NO aspartame, NO potassium sorbate, NO phosphoric acid, NO colourings and NO artificial flavourings". Schon kurze Zeit später überschwemmte eine Welle von Bionade-Nachahmerlimonaden Deutschland, und in der langen dunklen Kaffeepause der Riesenmaschine (2009-2012) breiteten sich, von uns undokumentiert, die Ökosupermärkte derartig aus, dass man demnächst Bioabteilungen in Ökosupermärkte einbauen müssen wird, weil anderswo kein Platz mehr ist.

Eine ganze Weile warfen die Getränke der Zukunft nur namenstechnisch ihren Schatten voraus. Aber jetzt ist es soweit, das Signaturgetränk der Zehner Jahre wurde gesichtet, und sein Etikettentexter weist nicht nur extra darauf hin, dass die Erdbeeren aus konventionellem Anbau stammen und ordentlich added sugar drin ist, nicht so ein Agavendicksaft oder gleich gar nichts. Er pflegt dabei auch noch subtil-ironische Brechungen aus dem Post-Werbetextzeitalter ein: "unbeschreiblich lecker", i.a.W. "ich texte mich doch nicht kaputt hier, sollen die Blogger machen, viral Alter, Feierabend". Die ersten Billignachahmerlimonaden (Unfairtrade mit Extra-Herbiziden und Gentechnik) werden für 2014 erwartet.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Chinesische Getränkefolter


26.11.2012 | 01:22 | Was fehlt | Fakten und Figuren | Sachen kaufen

Die Depixilierung der Welt

Da fahren wir die Maschine extra zwei Jahre auf Reservemodus, damit da draussen wieder neue Dinge passieren können und was kommt dabei raus? Nichts. Damals: 8-Bit-Krawatte, 8-Bit-Uhr und 8-Bit-Halskette, die Rückkehr der Pixel in die mittelgutauflösende Welt der Nullerjahre. Heute: Minecraft-Spitzhacke aus Schaumgummi bei Amazon, die Retrofreunde von der VG Wort fluten das Netz mit Zählpixeln und, ganz neu: Das Original Windows Solitaire als ausgedrucktes Kartenspiel – die Rückkehr der Pixel in die HD-Welt der Zehnerjahre. Nicht auszudenken, wenn unsere Autoren auch noch mit sowas anfangen würden.

Das bleibt jetzt so, das geht nicht mehr weg, dafür sind die 8-Bit-Nostalgiker zu alt. Da hilft nur nach vorne schauen: Die Kinder, die heute mit Retina-Displays aufwachsen, werden in den 2020ern dafür sorgen, dass alles so superfeinauflösend ist. Berge werden durch Geröll ersetzt, Geröll durch Sand und Sand durch Mehl. Treppen werden zu schiefen Ebenen, weil niemand mehr diese groben Stufen sehen mag. Karohemden werden einfarbig. Es wird eine neue Flurbereinigung geben, nach der alle Felder nur noch bierdeckelgross sind. Leibnizkekse sind nur noch echt mit 52.000 Zacken. Badezimmerböden werden nur noch aus einer Riesenfliese bestehen. Legosteine werden so klein sein wie Atome. Und Atome so klein wie 1:100-Legomodelle von Atomen!

Bei Koalastothemax lässt sich der Depixilierungsprozess bereits wunderbar nachvollziehen. Und wenn dann alles eine hochauflösende Suppe ist, bleibt der Generation 8 Bit nur noch, ihren Schmerz mit 8-Bit-Bier zu töten.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Unscharf ist das neue Schwarz

Kathrin Passig, Michael Brake | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


19.11.2012 | 15:32 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Die offenen Pistazien der Wissenschaft


Der erste Schokoriegel, den man zitieren kann (Quelle, Lizenz)
"Open" ist sowas wie das neue Schwarz. Gerade in der Wissenschaft: Offene Paper und offene Zeitschriften gibt es zwar schon länger, aber erst in den letzten Jahren hat das Öffnen als Generalprinzip auch den letzten Winkel erreicht. Ein gutes Beispiel ist das offene Onlinetheater Figshare, eine Art Mind-Upload-Tool für Wissenschaftler, denen das normale Publizieren zu langsam und zu eintönig ist. Erst publizieren, und zwar alles, dann weitersehen und den Dank der Welt ernten, in Form von Shares, Views und Cites, so scheint das Prinzip zu sein.

Mit Figshare ist, zumindest im Early-Adopter-Land plötzlich alles offen, der gesamte Kramhaufen der Wissenschaft liegt ausgebreitet im Kinderzimmer: Videos, Proposals, nutzlose Daten, Quatsch, Slides, Poster, alles. Warum auch nicht. Neue Genres entstehen, zum Beispiel das Genre "unmotivierte Striche auf einer Schiefertafel" oder das Genre "Speere mit Haizähnen" oder das Genre "Hefen starren mich aus Petrischalen an". Dabei ist nicht klar, ob es sich lohnt, überhaupt von Genres zu reden, zu kurzlebig und unwiederauffindbar sind die Figshare-Meme. Vielleicht muss man sich die neue, offene Wissenschaft eher wie einen unzensierten stream of consciousness einer Gemeinde aus Daten-Exhibitionisten vorstellen, nur einen Schritt entfernt vom Quantified-Self-Movement, oder eben wie einen expandierenden Hefeteig ohne Ziel und Absicht. Der Schubladeneffekt wird ersetzt durch einen Hefeteigeffekt. Wenig bekanntes Faktum über Hefeteige: Sie sind nicht durchsichtig.

An diesem Punkt angekommen, verwundert es auch nicht mehr, wenn man sich an einem Sonntag Mitte November in den offenen, geschlossenen Figshare-Hefeteig einklinkt und von Ahmad Shakerardekani begrüsst wird, einem Pistazienexperten aus Malaysia, der, nunja, unkommentierte Fotos von Pistazienprodukten in die Wissenschaftslandschaft gepostet hat. Eventuell will er damit vorführen, dass die in diskreten Einheiten natürlich entstehenden Pistazien in enger biologischer Verwandtschaft zum Pistazienurschlamm und zu malayischen Pistazienschokoladeriegeln stehen, die, so kann man schon beim Betrachten stark vermuten, im Schokoriegeltest nicht den Hauch einer Chance gehabt hätten. Yeah, science.


18.11.2012 | 01:39 | Papierrascheln | Effekte und Syndrome

Serendipidität 0.2


Nur echt mit dem Clipart-Fernglas!
Das Web-Adress-Buch für Deutschland 2013 ist da. Es unterscheidet sich äusserlich nur unwesentlich vom Web-Adress-Buch für Deutschland 2000/2001, innendrin sind aber wie jedes Jahr 6.000 tolle neue Super-Geheimtipps aus den Untiefen der Interwebs, garantiert ohne Suchfunktion, Hypertext und all die anderen stressigen Extras des modernen Lebens.

Alles, was es sonst noch so dazu zu sagen gibt, steht in einer Kolumne auf taz.de, wo sich dankenswerterweise auch Dipl.-Pol. Mathias Weber, der Herausgeber des Buchs, in den Kommentaren zu Wort meldet. Und neben einiger berechtigter Kritik bringt er dort eine so wichtige wie unerwartete Begründung für das Existenzrecht des Web-Adress-Buchs: "Der Vorteil des Buches ist, dass man tolle Web-Seiten zu Themen entdecken kann, an die man gar nicht gedacht hätte. Denn bei Suchmaschinen muss man immer ein Stichwort im Kopf haben, das man in die Suchmaske eingeben muss, um Treffer zu erhalten. Also sucht man immer in Bereichen, die man schon kennt. Beim Web-Adressbuch für Deutschland kann man sich einfach durch die Themenbereiche treiben lassen und entdeckt ständig neue spannende Surf-Tipps."

Serendipidität als Argument pro Buch und contra Internet – darauf muss man auch erstmal kommen. Wieder was gelernt, danke, Herr Eulenlogotierverlagsnamensgeber.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Working in a paper mine


14.11.2012 | 08:59 | Automatische Kulturkritik

"Skyfall", Sam Mendes (2012)

Plus: 1, 33, 80, 96, 142
Minus: 54, 93, 116, 118, 136, 209
Gesamt: -1 Punkt

Kulturkritikautomat | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


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Plus: 3, 21, 37, 38, 69, 74, 83, 89, 140
Minus: 37 doppelt, 54 doppelt
Gesamt: 5 Punkte


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