Riesenmaschine

19.12.2012 | 00:17 | Automatische Kulturkritik

"Killing Them Softly", Andrew Dominik (2012)

Plus: 22, 23, 34, 42, 56, 74, 89, 135, 144, 151 doppelt
Minus: 27, 140
Gesamt: 9 Punkte

Kulturkritikautomat | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


15.12.2012 | 11:58 | Supertiere | Vermutungen über die Welt

Taxonomische Mimikry


Der Marderhund – Gottesbeweis oder Gott? (Foto, Lizenz)
In der verzweifelten Suche nach so etwas wie Sinn im ansonsten sinnlosen, wirren Treiben der Evolution sind Experten nun auf eine heisse, wenn auch offensichtliche Spur gestossen. Sie führt zum Marderhund, ein Tier, das dem Waschbär zum Verwechseln ähnlich sieht, aber in Wahrheit ein Hund ist. Der englische Name "Raccoon Dog" reflektiert die Verwirrung. Nun sind zwar, wie alle wissen, sowohl Hunde als auch Bären Hundeartige, aber unterhalb der Überfamilie trennen sich die Taxone: Der Marderhund steht solide in der Familie der Hunde, der Echten Hunde sogar, tut aber so, als gehöre er zur Familie der Kleinbären.

Diese Art taxonomische Mimikry – so aussehen wie X, aber in Wahrheit Y sein – scheint ein klares Zeichen auf Intention zu sein, auf eine lenkende Hand in den Geschicken der Evolution, und sei es auch nur die lenkende Hand des Marderhundes. Eine wissenschaftliche Sensation, aber vielleicht ein Einzelfall? Eine designte Nische im Baum des Lebens? Auf einer eilig einberufenen Konferenz mit dem vielversprechenden Titel "Darwin, Schmarwin" brachten einige "Experten" eilig die Hyäne ins Spiel, ein fehlgeleiteter Vorschlag: Zwar tut die Hyäne kompetent so, als sei sie eine Katze, aber aus gutem Grund, denn zur Überraschung aller Anwesenden ist sie tatsächlich eine. Shame.

Vielleicht der Hase oder wenigstens das Kaninchen? Die grossen Zähne sagen Nagetier, die Taxonomie jedoch Hasenartige. Zwar gehören Nagetiere und Hasenartige zurselben Überordnung der Euarchontoglires, ein kompliziertes Wort, das man an dieser Stelle nicht vermutet hätte, aber darunter, auf der Ebene der Ordnung, trennen sich ihre Wege. Aber sind lange Vorderzähne schon genug Anlass, an Intention zu glauben? Ist das noch Verkleidung oder schon Fetisch? Die Debatte ist gespalten.


Not fooling anybody (Foto, Lizenz)
Danach fielen den Fachleuten nur noch Albernheiten ein. So grosse Hoffnungen. Eine wissenschaftliche Revolution. Ein Paradigmenwechsel. Zu früh gefreut? Pinguine versuchen im Wasser so zu tun, als seien sie Delfine, ein abenteuerlich abwegiger Versuch. Delfine und Wale wiederum tun so, als seien sie Fische. Aber wer fällt darauf herein? Welcher Fisch hat ein Atemloch? Haben Tiere einfach nur sehr schlechte Kostüme? Am Ende der Skala das Seepferdchen, mit einer Verkleidung, die man nur noch als ironisch bezeichnen kann. Ein Pferd ist es sicher nicht.


03.12.2012 | 08:55 | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt | Effekte und Syndrome

Neue Alleinstellungsmerkmale


Scheisse, Boss, da ist ja noch das Klimaneutral-Dings von 2011 mit drauf! Aber merkt schon keiner.
Als die Riesenmaschine noch jung war, Dinosaurier die Erde bevölkerten und irgendwo gerade Steinmetze die ersten Prototypen von Rollkoffer, Crocs und Facebook herstellten, da wurde auf Trendlimonaden noch einzeln aufgeführt, welche ungesunden Dinge nicht darin enthalten waren: "NO fructose syrup, NO sodium benzoate, NO aspartame, NO potassium sorbate, NO phosphoric acid, NO colourings and NO artificial flavourings". Schon kurze Zeit später überschwemmte eine Welle von Bionade-Nachahmerlimonaden Deutschland, und in der langen dunklen Kaffeepause der Riesenmaschine (2009-2012) breiteten sich, von uns undokumentiert, die Ökosupermärkte derartig aus, dass man demnächst Bioabteilungen in Ökosupermärkte einbauen müssen wird, weil anderswo kein Platz mehr ist.

Eine ganze Weile warfen die Getränke der Zukunft nur namenstechnisch ihren Schatten voraus. Aber jetzt ist es soweit, das Signaturgetränk der Zehner Jahre wurde gesichtet, und sein Etikettentexter weist nicht nur extra darauf hin, dass die Erdbeeren aus konventionellem Anbau stammen und ordentlich added sugar drin ist, nicht so ein Agavendicksaft oder gleich gar nichts. Er pflegt dabei auch noch subtil-ironische Brechungen aus dem Post-Werbetextzeitalter ein: "unbeschreiblich lecker", i.a.W. "ich texte mich doch nicht kaputt hier, sollen die Blogger machen, viral Alter, Feierabend". Die ersten Billignachahmerlimonaden (Unfairtrade mit Extra-Herbiziden und Gentechnik) werden für 2014 erwartet.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Chinesische Getränkefolter


26.11.2012 | 01:22 | Was fehlt | Fakten und Figuren | Sachen kaufen

Die Depixilierung der Welt

Da fahren wir die Maschine extra zwei Jahre auf Reservemodus, damit da draussen wieder neue Dinge passieren können und was kommt dabei raus? Nichts. Damals: 8-Bit-Krawatte, 8-Bit-Uhr und 8-Bit-Halskette, die Rückkehr der Pixel in die mittelgutauflösende Welt der Nullerjahre. Heute: Minecraft-Spitzhacke aus Schaumgummi bei Amazon, die Retrofreunde von der VG Wort fluten das Netz mit Zählpixeln und, ganz neu: Das Original Windows Solitaire als ausgedrucktes Kartenspiel – die Rückkehr der Pixel in die HD-Welt der Zehnerjahre. Nicht auszudenken, wenn unsere Autoren auch noch mit sowas anfangen würden.

Das bleibt jetzt so, das geht nicht mehr weg, dafür sind die 8-Bit-Nostalgiker zu alt. Da hilft nur nach vorne schauen: Die Kinder, die heute mit Retina-Displays aufwachsen, werden in den 2020ern dafür sorgen, dass alles so superfeinauflösend ist. Berge werden durch Geröll ersetzt, Geröll durch Sand und Sand durch Mehl. Treppen werden zu schiefen Ebenen, weil niemand mehr diese groben Stufen sehen mag. Karohemden werden einfarbig. Es wird eine neue Flurbereinigung geben, nach der alle Felder nur noch bierdeckelgross sind. Leibnizkekse sind nur noch echt mit 52.000 Zacken. Badezimmerböden werden nur noch aus einer Riesenfliese bestehen. Legosteine werden so klein sein wie Atome. Und Atome so klein wie 1:100-Legomodelle von Atomen!

Bei Koalastothemax lässt sich der Depixilierungsprozess bereits wunderbar nachvollziehen. Und wenn dann alles eine hochauflösende Suppe ist, bleibt der Generation 8 Bit nur noch, ihren Schmerz mit 8-Bit-Bier zu töten.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Unscharf ist das neue Schwarz

Kathrin Passig, Michael Brake | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


19.11.2012 | 15:32 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Die offenen Pistazien der Wissenschaft


Der erste Schokoriegel, den man zitieren kann (Quelle, Lizenz)
"Open" ist sowas wie das neue Schwarz. Gerade in der Wissenschaft: Offene Paper und offene Zeitschriften gibt es zwar schon länger, aber erst in den letzten Jahren hat das Öffnen als Generalprinzip auch den letzten Winkel erreicht. Ein gutes Beispiel ist das offene Onlinetheater Figshare, eine Art Mind-Upload-Tool für Wissenschaftler, denen das normale Publizieren zu langsam und zu eintönig ist. Erst publizieren, und zwar alles, dann weitersehen und den Dank der Welt ernten, in Form von Shares, Views und Cites, so scheint das Prinzip zu sein.

Mit Figshare ist, zumindest im Early-Adopter-Land plötzlich alles offen, der gesamte Kramhaufen der Wissenschaft liegt ausgebreitet im Kinderzimmer: Videos, Proposals, nutzlose Daten, Quatsch, Slides, Poster, alles. Warum auch nicht. Neue Genres entstehen, zum Beispiel das Genre "unmotivierte Striche auf einer Schiefertafel" oder das Genre "Speere mit Haizähnen" oder das Genre "Hefen starren mich aus Petrischalen an". Dabei ist nicht klar, ob es sich lohnt, überhaupt von Genres zu reden, zu kurzlebig und unwiederauffindbar sind die Figshare-Meme. Vielleicht muss man sich die neue, offene Wissenschaft eher wie einen unzensierten stream of consciousness einer Gemeinde aus Daten-Exhibitionisten vorstellen, nur einen Schritt entfernt vom Quantified-Self-Movement, oder eben wie einen expandierenden Hefeteig ohne Ziel und Absicht. Der Schubladeneffekt wird ersetzt durch einen Hefeteigeffekt. Wenig bekanntes Faktum über Hefeteige: Sie sind nicht durchsichtig.

An diesem Punkt angekommen, verwundert es auch nicht mehr, wenn man sich an einem Sonntag Mitte November in den offenen, geschlossenen Figshare-Hefeteig einklinkt und von Ahmad Shakerardekani begrüsst wird, einem Pistazienexperten aus Malaysia, der, nunja, unkommentierte Fotos von Pistazienprodukten in die Wissenschaftslandschaft gepostet hat. Eventuell will er damit vorführen, dass die in diskreten Einheiten natürlich entstehenden Pistazien in enger biologischer Verwandtschaft zum Pistazienurschlamm und zu malayischen Pistazienschokoladeriegeln stehen, die, so kann man schon beim Betrachten stark vermuten, im Schokoriegeltest nicht den Hauch einer Chance gehabt hätten. Yeah, science.


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[Rec], Jaume Balagueró, Paco Plaza (2007)

Plus: 3, 12, 41, 80, 89, 101
Minus: 57
Gesamt: 5 Punkte


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