Riesenmaschine

08.09.2005 | 20:03 | Supertiere | Vermutungen über die Welt

Komische Vögel


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Wenn jemand durch Übertreibung aufzutrumpfen versucht, dann ganz eindeutig die Urzeit, bzw. eigentlich alle Epochen mit -zän hinten. Das hier gezeigte Tier, ein Diatryma, ist ein bis zu zweieinhalb Meter großer Vogel mit einem völlig überdimensionierten Schildkrötenkopf. Der angeflanschte Riesenschnabel diente diesem Rennvogel als gemeine Hacke. Er fraß unter anderem Pferde (ein Vogel, der Pferde frisst, das ist doch purer Irrwitz, Freund Darwin, vielleicht handelt es sich beim Diatryma auch um eine Guerilla-Kampagne der Anhänger von "Intelligent Design", so was kann man doch nicht ernsthaft herbeievolutionieren). Als die Urzeit nach diesem Amoklauf der Übertreibung wieder zu sich kam, schämte sie sich offenbar etwas und baute dann gewissermaßen als Konzessionsentscheidung die Flügel (Bildmitte) an, deren erschütternder Kleinwuchs jeder Zwergamsel als Suizidgrund ausreichen würden. Dieser Riesenvogel lebte 20 Millionen Jahre (62 Millionen v. Chr. bis 42 Millionen v. Chr.) und starb dann aus. Der engste heute noch lebende Verwandte des Diatryma sind nicht Strauß oder Emu, sondern die Kranichvögel. Deren größter Vertreter wiederum, der bis 350 Kilo schwere Terrorvogel, war ein Zeitgenosse des Diatryma und mindestens ebenso unangenehm: er tötete Antilopen per Fusstritt. Ein Glück, dass die Evolution inzwischen auch älter und bescheidener geworden ist und sich auf sympathische Kreationen wie den Baumoktopus verlegt hat.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Riesentiertag in der Riesenmaschine


07.09.2005 | 21:27 | Sachen anziehen | Vermutungen über die Welt

Haubitzen zu Hauben


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Flecktarn ist das Burberry-Karo der Postpopmoderne. Dabei hätte es eigentlich ganz gut enden können, denn noch Anfang der 90er sah die öffentliche Meinung in Berlin Bekleidung aus dem Military Shop als mindestens rechtsradikal, vielleicht sogar bundeswehrangehörig an. Vermutlich änderte sich diese Sichtweise erst mit einer der vielen Parka-Wellen an deutschen Schulen. Und durch genau diese Wellen wurde die Bedeutung des Tragens von Armeekleidung weggeschliffen wie die allzu kecke Kante eines Flusskiesels im Delta des Mississippi. Übrig geblieben ist schließlich nur noch eine Aussage: wer im Alltag Flecktarn trägt, kann alles sein – ausser tatsächlich bei der Armee (Ausnahme: freitags und montags in Zügen der Bundesbahn). Der Beweis dieser etwas nassforschen Behauptung kristallisiert sich in einem einzigen Produkt. Es handelt sich dabei um die nebenstehende Flecktarn-Duschhaube. Es kollidiert an dieser Stelle ein archaisch-aggressiv gemeintes Muster mit einer tuntig-70jährigen Funktion. Die Aussage: keine (außer "ich will mir die Haare nicht nass machen"). Anerkennen wollen wir aber den guten Willen des Herstellers. Denn tatsächlich ist die Haube genau in den Farben gehalten, die einen unter der Dusche tarnen: blau wie das Wasser, weiß wie der Schaum und grau-schwarz wie die Brühe, die stinkend in den Abfluss rinnt.


07.09.2005 | 07:52 | Was fehlt | Sachen kaufen

Bitte haben Sie noch etwas Goduld


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Eng an die Mutter aller Godot-Trends (das elektronische Papier) angelehnt war lange Zeit das flexible Display. Wer stellte sich nicht einen Laptop vor, aus dem man den Bildschirm wie ein Rollo herausziehen konnte? Philips, kurz zuvor bereits durch die Präsentation textiler Displays positiv aufgefallen, gab die Existenz eines Prototypen namens READIUS bekannt, und zwar zur Funkausstellung in Berlin, deren große Neuigkeiten im Wesentlichen HDTV, HDTV, HDTV und HDTV umfassten. Hier die entsprechenden Berichte ausgewählter Medien: Physorg, Engadget und Computerpartner. Schon beim Wort "Prototyp" hätte man drauf kommen können, spätestens aber bei der schieren Erbärmlichkeit eines Displays mit vier Graustufen (das ist ja nicht mal monochrom) verbunden mit der Ankündigung, 2007 in die Massenproduktion zu gehen: dahinter stehen unsere alten Bekannten E-Ink, die Großmeister im Ankündigen, die uns mit mehr als 120 Millionen Dollar Kapital im Rücken seit Jahren und Tagen Prototypen um die Ohren schlagen. E-Ink ist gewissermaßen gelungen, Godot zu klonen und ihn immer wieder mit neuen Kleidern und Kooperationspartnern in die Presse zu bringen. Dafür gebührt E-Ink definitiv der Preis für die beste PR-Blase, wahrscheinlich gemeinsam mit dem Segway, wenn auch in einer anderen Kategorie. Die Riesenmaschine wird diesen Preis schon demnächst ins Leben rufen und ihn 2008 verleihen. Oder 2009. Wir bitten nur um ein wenig Geduld – oder sollten wir sagen Goduld? Was E-Ink selbst vom READIUS hält, zeigt ein Blick auf die Newsseite des Unternehmens: dort ist er mit keinem Wort erwähnt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Godot ist aus Papier


05.09.2005 | 14:02 | Berlin | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Neue Höflichkeit auf Erfolgskurs


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Nachdem ein bundesweites Verbot von Kriminalität bisher nur mässigen Erfolg hatte, diese auch zu verhindern, bildet sich immer deutlicher eine private Initiative der Verbrechensbekämpfung und -vorbeugung heraus. Vorreiter dieses Trends scheint der Berliner Bezirk Kreuzberg zu sein, wo neben der tatsächlich erfolgreichen Bitte um die Unterlassung von Schmierereien bzw. der manierlichen Entschuldigung für deren Entfernung auch das nebenstehende Foto entstand. Ein Gemischtwarenladen in der Wrangelstrasse bittet im Schaufenster höflich darum, die verkauften Hassmasken nicht für Überfälle zu verwenden, sondern nur für Motorräder. Gut, es mag schwer sein, in die Verbrecherseele hineinzuschauen. Wenn aber auch nur ein Funken Anstand darin sein sollte, so vermuten wir, dass dieses ergreifende "danke!!!" bereits Überfälle verhindert hat. Und tatsächlich: Der Wrangelkiez fiel in letzter Zeit eher durch bunte Anwohnerprojekte als wie früher durch hohe Kriminalität auf. Nur ein Problem mit Bränden und Brandstiftungen besteht nach wie vor. Eventuell sollte man Schilder mit "Bitte nicht anzünden" an Brennpunkten aufstellen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Neuer Trend zur Höflichkeit II


05.09.2005 | 11:25 | Alles wird schlechter | Sachen kaufen

Ethische Grenzen der Kosmetik


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Es ist gut und richtig, dass auch und gerade im Kosmetikbereich die Produktdiversifizierung voranschreitet. Freiheit ist auch Konsumfreiheit und das wiederum heisst, wählen zu können zwischen AloeVera-Kokos-Palmöl-Maisstärke-Shampoo und Jojoba-Avocado-Stutenmilchcreme. Doch die kosmetische Produktfreiheit hat auch Grenzen, bzw. leider offenbar keine. Die australische Firma Morcosmetics nämlich hat eine komplette dem Marshmallow nachempfundene Pflegeserie herausgebracht. Zu Recht versteckt das Unternehmen diese Produkte in einem deeplink-unfähigen, jugendstiligen Flashgetöse von Website – zu gross könnte der Schaden einer direkten Verlinkung sein, am Ende kauft jemand aus Versehen noch die Marshmallow Body Lotion. Wir erinnern uns kurz: Marshmallows, das sind diese Brocken aus klebrigem Dämmschaum, aus dem Riesenmonster gebaut werden und von dem in seltener Eintracht Gesandte der magenchirurgischen Industrie und des Teufels behaupten, man könne sie essen. Dabei ist die eigentliche Verwendung von Marshmallows längst entdeckt worden: Sie eignen sich hervorragend als Munition für den Marshmallow Shooter. Wenn jetzt angesichts der Marshmallow-Kosmetik besonders spitzfindige Leser einwenden wollen, Moment, Marshmallow, das ist doch auch ein Name für das Malvengewächs Eibisch oder Samtapfel, dem können wir kaum mehr helfen, denn ebensogut könnte man mit einer Hakenkreuzfahne durch die Strassen laufen und erzählen, es sei ein altes asiatisches Sonnensymbol.


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