Riesenmaschine

03.09.2009 | 21:19 | Anderswo | Alles wird besser

Die Schweiz mal wieder


Socialism, light (my fire)
Fast schien es, als würde die Schweiz durch die Finanzkrise auf das Normalmass eines mitteleuropäischen Staates mit ganz normalen Sorgen, Nöten und Problemen heruntergekocht. "Derzeit verlieren täglich hundert Schweizer ihren Job", liess das Boulevardblatt Blick noch im Frühjahr die Alarmglocken schrillen. Mittlerweile scheint sich die Situation aber wieder etwas entspannt zu haben, was der Obrigkeit die Möglichkeit gibt, sich auf ihren eigentlichen Kurs zu besinnen und die DDR posthum in gut zu emulieren. Das heisst: es den Schweizern vorne und hinten nach Strich und Faden zu besorgen und recht zu machen. Was könnten die Bürger noch brauchen, worauf sie im Traum nie selbst gekommen wären? – so die zentrale Leitfrage, die etwa die Züricher Stadtverwaltung umtreibt. Als jüngstes Resultat dieser Überlegungen hat man jetzt am innerstädtischen Hallwylplatz zu jedermanns Nutzen und Frommen einen rustikalen Hochleistungsgrill installiert, der von den Anrainern auch prompt dankbar angenommen wurde. Gesichert ist er mit einer Eisenkette, was bestimmt nicht nötig gewesen wäre. Und damit nicht genug: Die temporär installierte Plastikrutsche im Hintergrund, die in den Brunnen führt, ist ebenfalls Resultat staatlicher Philanthropie. Damit auch aus den kleinsten Eidgenossen einmal aufrechte Genossen werden.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Zürich-Spezial V: Der Beste Ort der Welt 1.9


27.08.2009 | 22:10 | Anderswo | Alles wird besser | Sachen anziehen

Die Riesenmaschine auf Reisen – Advanced Socks


Algensocken gaben dem Autor die Kraft, auf 2600m dieses Bild aufzunehmen.
Ein fünfköpfiges Pionier-Detachement der Riesenmaschine ist soeben in der Schweiz eingetroffen, um vom vordersten Frontverlauf des Fortschritts über die neusten und geheimsten Entwicklungen im Dienste der sprichwörtlichen Schweizer Lebensqualität zu berichten. Bereits am ersten Tag der intensiven Feldforschungstätigkeit sind die gestählten Pioniere auf eine weitgehend geheime Neuentwicklung gestossen, die dem Schweizer Wanderer jenes Quäntchen Mehrleistung ermöglicht, das ihn gewöhnliche Wanderungen um bis zu 50% schneller absolvieren lässt. Er ist so deutlich schneller wieder am Arbeitplatz und kann das Bruttosozialprodukt in die bekannten luftigen Höhen treiben.

Es handelt sich dabei um ein Produkt der Jacob Rohner AG, nämlich die trek'n travel Rohner advanced socks – Socken auf Algenbasis. Der "SeaCell active" genannte Werkstoff gibt beim Wandern "durch den Hautkontakt wichtige Wirkstoffe wie Proteine, Vitamine, Kohlenhydrate" ab. Das ebenfalls enthaltene Silber "gleicht den Bakterienhaushalt aus" und wirkt antistatisch. Das alles steht da beglückenderweise wirklich.

Aber wer würde sich einfach mit Entdeckungen an den Grenzen des Menschenmöglichen zufrieden geben? Die Riesenmaschine testet im Interesse des Lesers selbstverständlich jede Entdeckung, und besonders die versilberte Algensocke. Seit Donnerstag wird deshalb der folgende vierfache Doppelblindversuch durchgeführt. Während Albers und Friebe die viertägige Wanderung mit klassischen Wollsocken absolvieren werden, geht Imhof mit einem Paar Algensocken an den Start. Reiber wird rechtsfüssig mit einem Rohnersocken ausgestattet, Felsch links. Es wird erwartet, dass Imhof bereits am Freitag abend wieder am Arbeitsplatz erscheinen wird, nachdem er das volle Programm leichtfüssig abgespult hat. Reiber und Felsch werden durch die assymetrisch verteilte Antriebspower in einer engen Kreisbewegung ebenfalls schnell zum Ausgangspunkt der grossen Maderanertal-Rundwanderung zurückkehren, und am Samstag morgen in Zürich erwartet. Albers und Friebe, auf Wolle, werden am Sonntag gegen Mitternacht einlaufen, völlig erschöpft und mit einem komplett unausgeglichenen Bakterienhaushalt.

CeaCell active – Screenshot von der Herstellerseite.



19.08.2009 | 01:52 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Embracing Blight


Fassade von Honest Ed's in Toronto, cirka 2020 (Originalfoto von Greencolander, 2008)
Wie bei allen philosophischen Supertrends waren die Anfänge von Embracing Blight scheinbar irrelevant und pathologisch. Kathrin Passig musste sich von Teenagern auf offener Strasse "erfolglose Kolumnistin" rufen lassen, als sie im Jahr 2004 damit anfing, kaputte Wäscheständer zu fotografieren. Aleks Scholz wurde von US-Sicherheitsbehörden als "geisteskrank, aber harmlos" eingestuft, nachdem er 2001 das Konzept Airport Hiking entwickelt hatte. Und Moritz Metz schliesslich, der Erfinder von Europep, verlor gar seine Ehrenmitgliedschaft im Mensaverein, als seine seltsamen Neigungen für unschöne Autoaufkleber bekannt wurden.

Embracing Blight, die Umarmung der hässlichen Auswüchse des Alltäglichen, entstand hierzulande aus inkonkreten und zufälligen Ansätzen. Was die drei Riesenmaschinenautoren in diesen harten Jahren nicht wussten: Wie so oft in der Evolution der Dinge entwickelt sich zur selben Zeit in Kanada eine analoge Daseinsform von Embracing Blight: Not Fooling Anybody und sein Schwesterprojekt Cloney Times dokumentieren in beispielloser Genauigkeit und beinahe gewalttätiger Energieverschwendung die hässlichen Fassaden von Fastfood- und sonstigen Läden. Insbesondere geht es hier um die Verwandlung der Fassaden, entweder durch Löschen und Ersetzen, oder aber, im Falle von Cloney Times, durch Kopieren und Einfügen. Unvollkommenheit und Veränderung sind die Leitmotive sowohl dieser Chronik als auch der Gegenwart.

Gleichzeitig liefert Liz Clayton, Schöpferin von Not Fooling Anybody, das originale Manifest der jungen Bewegung und begreift dabei als Erste den Gesamttrend: Embrace blight! We have no other hope. Und somit bricht eine neue Zeit an – die einzige Zeit, die wir noch haben. Es gelten nur zwei Grundregeln: 1) Empirische Präzision. 2) Ästhetische Gleichgültigkeit. In der indirekten Nachfolge von Post-Nihilismus, Post-Antirealismus, Post-Post-Moderne und natürlich Post-Apokalypse schält sich "Embracing Blight", die neue Form der Wirklichkeitsbetrachtung, aus ihrer brüchigen Eischale und betrachtet aufmerksam und gelangweilt die verschandelte Welt.


13.08.2009 | 11:49 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Fliegen saugen

Die Restgestalt wird von den Saugkräften zurückgenommen, so schrieb im Jahr 2001 prophetisch der Levitationsforscher Wilfried Hacheney in das Szenemagazin Matrix 3000*. Krass: Das stimmt wirklich. Nur fünf Jahre nach Hacheneys Prognose gelang japanischen Spitzenkräften ein Durchbruch in der Anwendung der elektronischen Saugkräfte zur Ohrreinigung. Kein Einzelfall. Die Saugforschung, bis zum Jahrtausendwechsel noch weit im Hintertreffen, sah sich im Aufwind und auf Augenhöhe mit den Konkurrenzsparten Bohren, Schlagen und Zupacken.


Georg Lichtenberg: "Dass die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden. Beweise erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schiessgewehr, ja was ist der Mensch anders als ein verworrenes Bündel Röhren?" (Foto: Crazy Stuff)


Im Jahr 2005 bringt der Erfinder des Kaninchensaugers die Aufbruchsstimmung treffend auf den Punkt: Full Suction! Und schon vier Jahre später schliesslich entwickelt die Schweizer Firma Crazy Stuff in einem weiteren epochalen Durchbruch ihr Fliegensauggerät fly-goodbye, mit dem sie die widerlichen 80er Jahre endlich auch für die Fliegenbeseitigungsbranche beendet. Das erstaunliche Ding wird vom Hersteller etwas hilflos mit einer Pistole verglichen: "(Das Gerät) schiesst sozusagen rückwärts." Ein klarer Anachronismus in herrlich saugdominierten Zeiten. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis man Schusswaffen konsequent und vorbildlich als Rückwärtssauger beschreibt? Die Zukunft des Saugens hat gerade erst begonnen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Snapy


01.08.2009 | 09:48 | Anderswo | Alles wird besser

Ein Tag im Finanzamt

Füllgrabe standen die Schweissperlen auf der Stirn, aber gleich würde er es ihm zeigen. Keine zwei Monate waren vergangen, seitdem Niewöhner ihn in der vorletzten Sitzung des Arbeitskreises "Nutzeroptimierte Fassadengestaltung am Neubau Finanzamt Samuel-Beckett-Anlage 3-7" unangekündigt hatte auflaufen lassen. "Wenn ich Sie alle kurz nach draussen bitten dürfte", hatte er gesagt, und alle, stellvertretender Amtsleiter, Abteilungsleiter, Gleichstellungsbeauftragte, Personalrat, und Füllgrabe selbst in seiner Eigenschaft als Schwerbehindertenbeauftragter, waren ihm vor die Türe gefolgt, dorthin, wo die neue Briefeinwurfanlage projektiert war. Niewöhner hatte sich in einen von der Prothesenausgabestelle des benachbarten Sozialamtes eigens für diesen Anlass herbeigeschafften Rollstuhl geschwungen und demonstriert, wie sein Einfall, den normierten Standard-Briefeinwurfschlitz auf eine Höhe von 80 cm zu senken, es problemlos ermöglichte, ohne einen separaten Einwurfschlitz für Rollstuhlfahrer auszukommen. Das anerkennende Schulterklopfen des Etatverantwortlichen Vordemvenne für Niewöhner und der fast schon höhnische Blick in die Richtung, in der Füllgrabe sich etwas abseits postiert hatte, hatten sich tief bei ihm eingebrannt.

Die ersten Tropfen begannen bereits, an Füllgrabes Nase herunterzulaufen, als unter TOP 17 die "abschliessende Beschlussfassung zur Gestaltung der zentralen Briefeinwurfanlage" aufgerufen wurde. Er meldete sich sofort, kam auch als Erster auf die Redeliste und hob an: "Sie haben bei ihrer Planung die Belange der contergangeschädigten Rollstuhlfahrer vollkommen unterschlagen!"


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Plus: 7, 8, 11, 22, 26, 35, 42, 54, 64, 66, 73, 80, 89, 96, 97, 111, 123, 126
Minus: 28, 196, 218, 219
Gesamt: 14 Punkte


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