Riesenmaschine

08.07.2006 | 19:28 | Anderswo | Papierrascheln

Kontextsensitives Koinzidenzmassaker


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Nichts läge uns ferner, als jede x-beliebige Titelgeschichte des SZ-Magazins zum Anlass und Aufhänger einer Berichterstattung zu nehmen, aber auch in dieser Woche führt kein Weg daran vorbei. Nicht so sehr allein wegen der Titelgeschichte "lecko mio!", in der es darum geht, dass Italien ein beklopptes Drecksland geworden sei, die italienischen Männer von Machos zu verzärtelten Muttisöhnchen degeneriert seien, die bis ins hohe Alter bei Mama wohnten und auch im Bett nichts mehr zustande brächten. Nein, eher wegen der Umschlag-Anzeige der italienischen Modemarke Dolce & Gabbana, darauf die halbe italienische Nationalmannschaft ohne Schweissrand-Trikots, und der ausgesprochen kontextsensitiven Plazierung in Kombination mit dem Titelblatt, wenn man das Heft rittlings aufklappt. Eine solche kontrapunktische Anti-Programmierung kommt normalerweise nur über Google Adsense in Blogs zustande, wo neben einem geharnischten Hassartikel zu einem Produkt das entsprechende Textbanner "Suchen sie ..." auftauchen kann. Nun also auch im Print, und – anders als wohl in diesem Fall – womöglich sogar mit (ironischer) Absicht. Wie auch immer: ein echter "Hingucker".


08.07.2006 | 09:22 | Anderswo | Nachtleuchtendes | Alles wird besser | Alles wird schlechter

Bikini Badabumm


Kopfkino, auch mal schön.
Wer derzeit aus Furcht, ein Gewitter könnte die sorgfältig gelegte Haarfrisur zerstören, auf aushäusigen Filmkonsum lieber verzichten möchte, braucht nicht unbebildert zu verzagen. Denn kindskopfgrosse Hagelkörner, Ärger mit dem stark behaarten Nachbarn oder unangenehm bemooste Wohnungen wirken gleich viel weniger nervenaufreibend, wenn man sich, dem Hinweis des New Scientist Short Sharp Science Blog folgend, auf die Seite des Nuclear Film Declassification Project begibt. Eine ganze Reihe historischer Filme demonstriert hier deutlich, dass alles noch viel, viel schlimmer hätte kommen können: Trinity, Nougat, Plumpbob und ihre reizbaren Cousins spielen die Hauptrollen in einer sinistren Variante der klassischen Familienserie, in der es schon mal ordentlich kracht, auch ganz ohne Dolby Surround.

Wer das alles als zu zynisch und atombombenverachtend empfindet, der labe stattdessen sein wundgelebtes Inneres an "The warm coat", einer frühen Dekosoap über den explosionsfreien Zwangsumzug eines pfiffigen Kalans namens Harvey. Da mal ne Scheibe von abschneiden, Guido Knopp!


07.07.2006 | 16:39 | Anderswo | Nachtleuchtendes | Alles wird besser | Was fehlt | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles | Zeichen und Wunder | Vermutungen über die Welt

Assoziationskettenmassaker: Behirne Gehirne!


Systemmeldungen auf Flickr als Beweis für irgendwas (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Heute vor 1000 Jahren fand die hellste Supernova der Welt statt. Sie leuchtete -9,5 mag hell, das mag auch die beeindrucken, die mag bisher für den österreichischen Titel mit der Bedeutung "ich habe zu Ende studiert" gehalten haben. Damit handelt es sich um die am wenigsten beeindruckende Abkürzung, die man dort an seinen Namen anflanschen kann. Schöner zum Beispiel: StGVKF oder NÖGKmtK/St. Der erste dieser beiden Orden kommt aus der Steiermark, einem Bundesland, dessen grösste kulturgeschichtliche Errungenschaft zweifellos das steirische Kürbiskernöl ist. Dieses ist nicht nur besonders reich an den tollsten Ölfeatures, sondern schmeckt auch hervorragend. Eine Eigenschaft jedoch wird oft genug unterschlagen, das Öl ist nämlich dunkelbraun, wenn es in grösseren Mengen auftritt, und wenn nur noch ein einzelnes Tröpfchen vorhanden ist, ist es grün. Es taugt damit hervorragend als reziprokes Sinnbildöl für ökofaschistische Parteien.

Ökofaschistisch nur ohne öko nennen bösartig Unterstellende die schon mal hier vorgestellte Partei BüSo. Deren Vorsitzende heisst nicht nur lustig – Helga Zepp-LaRouche – sondern tritt auch für Transrapid, Kernkraft und umfassende Kulturkontrolle ein: "Ständiges Behämmertwerden mit Gewalt, Pornographie und Techno-Lärm zerstört das Denkvermögen. Klassische Theater müssen sich wieder am gedanklichen Inhalt der von ihnen aufgeführten Werke orientieren". Der Zusammenhang zwischen zerstörtem Denkvermögen und Kultur ist aber nicht nur Thema bei der BüSo, sondern schon eine ganze Weile inspirierend für Dichter und Denker, zum Beispiel für Gottfried Benn, dessen Novelle Gehirne mit einer berühmten freien lyrischen Assoziationskette endet, angeschlossen an eine Erklärung der Hauptfigur Werff Rönne, die als teilweise autobiografisch angelegt verstanden werden muss. Gottfried Benn selbst starb exaxt heute vor 50 Jahren an den Spätfolgen der Supernova von 1006.

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07.07.2006 | 12:04 | Anderswo | Listen

Assoziationskettenmassaker: Die Jungs von der Papiermühle gegen die neuen Heiligen


Könnte alles Mögliche sein, ist aber eine Papiermühle (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Auch wenn selbst innerhalb der Korrespondentenschar der Riesenmaschine Erbsen zählend anders lautende Auffassungen vertreten werden, ist der finnische Fussball keineswegs abgeschafft, wie der Vorstoss des in der Papierstadt Anjalankoski beheimateten finnischen Meisters Myllykosken Pallo – 47 in die erste Qualifikationsrunde zur UEFA Champions League eindrucksvoll belegt. Der Klub, bei dem immerhin schon Spieler wie Jari Litmanen und Sami Hyppiä gespielt haben, trifft dabei auf "The New Saints FC" aus der League of Wales. Der walisische Meister, der dies nur deshalb ist, weil die besseren Vereine sämtlich in den englischen Profiligen spielen, firmierte lange Jahre unter dem wesentlich eindrucksvolleren Namen Llansantffraid FC, bevor man sich mit Total Network Solutions einen Sponsor zulegte, sich in TNS Llansantffraid umbenannte und nach dem Abspringen des Geldgebers notgedrungen eine Neuausgestaltung der Abkürzung vornehmen musste.

Mit der kürzlich erfolgten Veröffentlichung der Paarungen der ersten Qualifikationsrunde hat die Union of European Football Associations (UEFA) ein unterhaltsames Ausrufezeichen gesetzt. Während die gesetzten Klubs der zweiten Qualifikationsrunde schon Legion für den geschulten Kenner der europäischen Fussballszene sind, hält die erste Qualifikationsrunde zahlreiche unterhaltsame Bonbons bereit: Die Freunde des Stabreimes kommen bei den Begegnungen KS Elbasani gegen FK Ekranas oder FC Bolnisi gegen FK Baku auf ihre Kosten, Anhänger der Onomatopoesie werden gespannt den weiteren Weg des FH Hafnarfjördur aus Island und des malteschen Meisters Birkirkara FC verfolgen, Hobbyetymologen haben die Gelegenheit, dem Ursprung diverser Vereinsnamen wie Schachtjor Soligorsk ("Rudis Söhne"?) oder Schiroki Brijeg ("Hic sunt leones"?) auf den Grund zu gehen, Westernliebhaber werden dem moldawischen FC Sheriff die Daumen drücken und frühkindlich geprägte Uefacupaddikten es bedauern, dass sich in Luxemburg diesmal F91 Dudelange anstatt des lange Zeit hegemonialen Spora mit der guyrouxartig bereits im dritten Jahrzehnt amtierenden Trainerlegende Heinz Eimer qualifiziert hat.

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Volker Jahr | Dauerhafter Link


06.07.2006 | 20:19 | Anderswo

The Brave, the Best, the Deadly


Golflehrer verlangen oft zu viel (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Schottland ist in vielerlei Hinsicht so ähnlich wie die Riesenmaschine: Altmodisch, aber futuristisch, bei gleichzeitiger maximaler Albernheit. Exemplarisch steht dafür die Kleinstadt St. Andrews an der Ostküste, für die extra das Wort "pittoresk" erfunden wurde, damals, als Attribute noch knapp waren. St. Andrews verfügt nicht nur über die einzige Eliteuniversität in Grossbritannien, die nicht Cambridge oder Oxford heisst. Hier lehrte u.a. der Physiker, nach dem der Brewster-Winkel benannt wurde (der Mann hiess auch exakt genauso), ein überaus wichtiges Konzept, wenn man spiegelnde Oberflächen mal genauer betrachtet, also ein Grundelement für Narzissmus und Eitelkeit. Fast ebenso interessant ist die Bedeutung St. Andrews für den Golfsport, denn hier wurde schon Golf gespielt, als es noch verboten war, weil Bogenschiessen dadurch gestört wurde. Heute ist die Situation umgekehrt, die Stadt ist viel kleiner als ihre Golfplätze und erschossen wird man nirgendwo. Sondern vergiftet oder aufgefressen, und zwar im Seeaquarium, das ausserhalb von St. Andrews total unbekannt ist, aber offenbar spezialisiert auf kreative Todesarten: Stachelschweinfische! Schottische Haie! Piranhas! Zur Abwechslung auch mal vollkommen harmlose Robben! Elektroaale! Und, am allerbesten, der südamerikanische Pfeilgiftfrosch, leuchtender Wegweiser für die zuverlässige Zustellung von Tod und Verderben, und verantwortlich für mehr Tote als Hitler und Stalin zusammen, naja, vielleicht nicht ganz. Eben gerade gewonnen hat die Universität von St. Andrews übrigens auch den prestigeträchtigen nationalen Catering-Preis, denn niemand will kulinarisch unbefriedigt vom Frosch angespuckt werden. Frösche können ausserdem gar nicht spucken.


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"127 Hours", Danny Boyle (2010)

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