Riesenmaschine

21.11.2005 | 08:55 | Anderswo | Supertiere

Mehr über Nagetiere

Nagetiere sind schon seit vielen Jahrtausenden die Schutzpatrone der Riesenmaschine. Einmal im Jahr, so der Brauch, muss, um ihre Eitelkeit zu befriedigen, über sie berichtet werden, und zwar in ekelhaft opportunistischem Tonfall, sonst wird der Fluch der Nager usw., das kennt man ja und das wollen wir nicht. Diesmal geht es einmal nicht um Biber oder Bilche, sondern um eine Art Meerschweinchen aus der Familie der Chinchillas: das Vizcacha. Auf nebenstehendem Bild, das "Gene with Vizcacha" zeigt, kann man deutlich die Vorzüge dieses Tierchens erkennen. Es hat die Ohren und die Figur eines Hasen, aber den Schwanz und die Körperhaltung eines Eichhörnchens, und dies alles noch in einer derart praktischen Grösse, dass man nicht immer Angst haben muss, es beim Kosen zu zerquetschen. Man muss klar anerkennen, dass die Idee, ein Tier von der Grösse eines Hundes herzustellen, das alle Vorzüge von Hase und Eichhörnchen vereint, einer der herausragendsten und einmaligsten, ja, unbeschreiblich grossartigsten (man muss hier etwas übertreiben, wir bitten um Verzeihung) Einfälle in der Geschichte der Einfälle war. Wir können uns keine Droge vorstellen, naja, ehrlich gesagt fast keine, die uns zu einer solch phantastischen Erfindung, so, das muss jetzt aber reichen, Freunde.

Das Vizcacha, eigentlich gesellig, lebt zurückgezogen in den Wüsten Südamerikas, und zwar notgedrungen in Gesellschaft von Schlangen, Eidechsen und Eulen, nur um nicht an Vereinsamung zu sterben. Deshalb, und gerade weil es ein Nagetier ist, werden wir heute, Montag, den heiligen Berg der Vizcachas aufsuchen, und zwar um ihnen eine Freude zu bereiten. Ausserdem verlangen sie es von uns.


21.11.2005 | 02:07 | Anderswo | Alles wird schlechter

Nur über meine Leiche

Der einzige Trend, der in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erfunden wurde, ist die Ausstellung von Leichen. Vermutlich hat es etwas zu bedeuten, dass dieser Renner erst vor etwa einem Jahr in Amerika Fuss gefasst hat, vielleicht funktioniert Trendwanderung nur mit dem Golfstrom oder es hängt mit der Hühnergrippe und den Importschwierigkeiten für Naturmaterialien zusammen, aber damit muss man sich nicht befassen. Viel aufschlussreicher ist es, die Expansion der Leichenindustrie mitzuverfolgen. Ideen, zumal wenn sie Geld bringen, rufen immer Epigonen hervor; Mozart, Beatles, Nirvana, alle wurden sie noch zu Lebzeiten kopiert, und so ist es nicht verwunderlich, dass jetzt gleich mehrere Leichenshows auf den amerikanischen Markt drängen, so dass man als Kunde wirklich die Wahl hat. Während das (mutmassliche) Original, Body Worlds 2 zur Zeit in Toronto herumsteht, wird heute, wie wir bei Medgadget erfahren, in New York Bodies, the Exhibition eröffnet. In San Francisco wurde offenbar vor wenigen Wochen bereits wieder geschlossen, und zwar "The Universe Within". Zeitgleich warten in Ostasien, dem Mekka der Leichenverarbeitung, Zombie-Armeen mit so kreativen Namen wie "Body Exploration", "Bodies Revealed" oder "Mysteries of the Human Body" auf ihre Marscherlaubnis für amerikanisches Territorium.

Körperwelten-Erfinder von Hagens, selbst nicht gerade wie ein Lebender aussehend, behauptet natürlich, dass nur er den wahren Beatles-Sound, nein, dass nur seine Gebeine richtige Tote sind. Aber wie obiges Bild zeigt, ist das durchaus Geschmackssache; manche mögen blassgelb lieber als dunkelrosa und nicht jeder kommt mit dreiteiligem Geschlechtsteil klar. Wie immer gibt es Neid und Missgunst zwischen Erfinder und Nutzniessern, so beschuldigen sich von Hagens und sein ehemaliger Mitstreiter Sui Hongjin, der mittlerweile seine eigene Nekrophilieshow leitet, statt der glücklichen Leichen von freilaufenden Hühnern Exponate aus Massentierhaltung, ähm, chinesische Sträflinge also zu verwenden. Man muss dies wohl als ganz normale Abnutzungserscheinung der Trenderscheinung Leichenschau bewerten. Wie immer wird es eine Weile dauern, bis ein neuer Geniestreich die Branche erobert, zum Beispiel Tote irgendwie an speziellen Orten vergraben oder so.


21.11.2005 | 01:41 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder | In eigener Sache

Triumph der Riesenmaschine

Die deutschsprachige Blogosphäre, fand Holger Hank, Redaktionsleiter des Online-Portals der Deutschen Welle, anlässlich der Verleihung der letztjährigen Deutsche Welle International Weblogs Awards, sei "derzeit sehr stark mit sich selbst beschäftigt". Ihm fehlten "gut geschriebene Blogs, die sich mit den brennenden Themen befassen: Globalisierung, Sozialabbau, Terrorismus." Hanks Ruf sollte nicht ungehört verhallen; umgehend wurde die Riesenmaschine in Gang gesetzt, die sich seitdem quasi rund um die Uhr mit den Themen Globalisierung, Sozialabbau und Terrorismus (letzteres ausserdem hier und irgendwie auch hier) auseinandergesetzt hat. So konnte es nicht ausbleiben, dass der prestigeträchtige Userpreis 2005 in der Kategorie "Best Journalistic Blogs German" an die Riesenmaschine ging. Wir beglückwünschen unsere Autoren zum Gewinn je eines siebenunddreissigstel iPod-Shuffles und danken allen treuen Lesern, die uns zu diesem herrlichen Preis verholfen haben!

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wahlaufruf


20.11.2005 | 15:00 | Fakten und Figuren | Sachen kaufen

Kick it Like Lieblingsstar

Gut, es ist nicht leicht, Jungs zum Spielen mit Puppen zu bewegen. Auch wenn es bestimmt pädagogisch wertvoll ist. Oder wäre. Oder sein könnte. Die Firma Revell, die sich schon seit Urzeiten um das Wohl der zukünftigen Männer sorgt – zum Beispiel mit zusammenklebbaren Panzern – ist sich ihrer Verantwortung bewusst und beglückt die Jungs seit einiger Zeit mit Puppen. Natürlich nicht mit traumatisierend unrealistischem Barbiequatsch, sondern mit "unglaublich ähnlich" aussehenden "Lieblingsfussballstars". Die Kick-O-Mania Figuren bekommen nämlich nicht wie anno Dings die kleinen Tipp-Kick Kicker ihr unverwechselbares Profil durch absplitternden Lack. Oder unverwechselbare Spielerqualitäten durch diverse Tuningtricks. Nein! Die Kick-O-Maniacs sind von Hause aus 3D-gescannte, computermodellierte Stars. Wie obenstehendes Foto eindrucksvoll beweist. Falls sich jemand nicht ganz sicher sein sollte, wer da seinen Kopf hat scannen lassen, kann man sich hier vom gewohnt geschmeidig agierenden Ballack die Revell-Spielerelite vorführen lassen.
Auch wenn wir zugeben müssen, dass Deco oder auch Rooney einen spontanen Kaufreiz auslösen, finden wir einen nur 19 Mann umfassenden Kader etwas dürftig und wünschen uns zum Beispiel Lucio oder Ronaldinho – kaum auszudenken, was das für schmucke Püppchen wären! Schön aber, dass Revell den Stars keinen Kick-Knopf aus dem Kopf ragen lässt, bedient werden die erstaunlich grossen Puppen durch Spannen des Schussbeins (alles Rechtsfüsse!) und Drücken des "Actionknopfs" – man sticht dem Kicker mit dem Finger beherzt zwischen die Schulterblätter und schon "zimmert er den Ball ins Netz." Um sich ein abschliessendes Urteil erlauben zu können (Voll bewegliche Gelenke! Super Spielmöglichkeiten!), wird die Anschaffung eines van Nistelrooys erwogen. Denn interessant wäre natürlich auch, was die Kicker so unter ihren Trikots tragen. Aber Puppen ausziehen, das ist wohl Mädchendenken.


19.11.2005 | 17:25 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Ostmoderne.com

Wenn man in der Hohen Tatra durch den nadeligen Bergwald stolpert, kann man auf verschieden Merkwürdigkeiten stossen. Etwa auf Millionen zerstörter Bäume, denn auf den Tag genau vor einem Jahr fegte ein erbarmungsloser Orkan über das Gebirge und riss die Hälfte aller Bäume dort in den Tod. Man kann aber auch auf das abgebildete Gebäude stossen. Es handelt sich um das bemerkenswerte Hotel Panorama in Štrbské Pleso des slowakischen Architekten Zdenik Rihák, erbaut 1965 bis 1970. Das dicht an der schillernden Grenze zur nachgebauten Halluzination entlangtänzelnde Bauwerk ist Teil einer bisher aufmerksamkeitsvernachlässigten Architektur, der Ostmoderne. In die Öffentlichkeit getragen wurde dieser Wortspieltitel einer Bauära von den Machern einer höchst wunderbaren Website: Ostmoderne.com. Dort versammeln die Architekten Maik Novotny und Benjamin Konrad und die Fotografin Hertha Hurnaus die Bauten dieser Nachkriegsrichtung aus Osteuropa. Dass das nicht nur a) kulturell notwendig ist, solange die teilweise abrissgefährdeten Bauten noch stehen, sondern b) auch interessant und c) super fotografiert ist, ist inzwischen sogar in die Hochkultur hochgesickert: Das Louvre stellt einen Teil der auf der Website versammelten Fotos auf der morgen zu Ende gehenden Messeausstellung Paris Photo aus. Konzeptbauten mit dem spröden Charme zwischen subversivem Beton-Ostpop und sozialistischer Farbgestaltung sind aber nicht das einzig Abgebildete. Wie an den Fotografien unten zu erkennen, wurden auch innenarchitektonische Werke geschaffen, die die damaligen Architekten offenbar hemmungslos von vielen, vielen heutigen Clubdesignern kopiert haben.

(Lounge für Regierungsmitglieder, Flughafen Bratislava, J. Bahna, V. Vilhan, 1973)


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