Riesenmaschine

08.09.2006 | 14:28 | Anderswo | Alles wird besser | Was fehlt

Ach, Kanada


Berliner WLAN-Versorgung
(figurative Darstellung)
(Foto: pattista/Lizenz)
Man kann es ja allmählich nicht mehr hören: Kanada hat die besseren Feiertage, eine Marijuana- Partei, lustige Scheidungsgesetze, den Death Surge Plan, den Biber und ist überhaupt das zweitbeste aller Länder. Kanada, reicht es nicht auch so? War es wirklich nötig, dass Toronto jetzt auch noch kostenloses öffentliches WLAN bekommt? Na gut, es ist nur sechs Monate lang kostenlos, aber auch danach nicht sehr teuer, denn es wird vom kanadischen Staat mitbezahlt, vermutlich aus den Marijuanaerlösen (gar nicht mal so abwegig, wenn man weiss, dass die kanadischen Stromerzeuger ganz erheblich am Homegrowing mitverdienen und das Toronto-WLAN von der Stromgesellschaftstochter Toronto Hydro Telecom betrieben wird). In Berlin müssen wir auf öffentliches WLAN voraussichtlich noch bis ca. 2015 warten, Kanada hat dann natürlich längst irgendwas noch viel Grossartigeres. Wir gucken jetzt einfach nicht mehr hin.


08.09.2006 | 01:22 | Anderswo | Fakten und Figuren

Rauli


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die tragischste Figur in der nicht eben untragisch klingenden finnischen Musiklandschaft war zweifellos Rauli Badding Somerjoki. Er wurde nur 40 Jahre alt, aus Angst vor dem Bühnenstress wurde er zum Alkoholiker, er ist in Finnland so etwas wie ein Nationalheiliger, weil er all das in sich vereint, was ihre Musik ausmacht. Tragisches Timbre, molllastige Schnulzen, allergrösste Ernsthaftigkeit. Ohne ihn gäbe es die in Finnland entstandene Musikform Goth'n'Roll (HIM, Rasmus, Nightwish) nicht, aber auch eine indirekte Verbindung zu Tokio Hotel ist für das geübte Ohr leicht auszumachen. Als Somerjoki mit seinem Freund, dem Soziologen Mauri Antero Numminen 1971 den Song Valot (Vorstadt) schrieb, taten sie das nur für IHN, den King nämlich, den finnischsten Nichtfinnen der Welt, Elvis Aron Presley. Sie schickten die Bänder per Post nach Memphis, eine Antwort kam leider nie. Valot wurde aber trotzdem in Finnland ein Riesenhit, viele sangen das Lied, auch Ville Valo von HIM. Später übernahm ein anderer, sehr ernsthafter amerikanischer Elvisstellvertreter den ganz spezifischen finnischen Sound, Chris Isaak, den wiederum HIM auch immer wieder gerne zurück nach Finnland importieren, indem sie ihn covern (Wicked Games).

Aber das alles weiss ausserhalb Finnlands und der Riesenmaschine natürlich niemand, und im letztwöchigen Spiegel vergleicht der Autor Joachim Lottmann vollkommen ahnungslos Tokio Hotel noch mit Nirvana und den Beatles, dabei sind sie noch viel grösser, nämlich wie Elvis.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (9)


07.09.2006 | 14:21 | Anderswo | Papierrascheln

Volk ohne Hohlraum


Etwas war anders (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Dass die Menschen eine Seele haben, ist eine schwer zu widerlegende Behauptung, und obwohl niemand weiss, wie sie aussehen könnte, dient der Begriff auch zur Bezeichnung einer Besonderheit an manchen Korkenziehern und Stahlseilen. Hier ist die Seele ein zentraler Hohlraum, der das Ziehen des Korkens vereinfacht – Korkenzieher mit Seele sind zuverlässiger –, bei Stahlseilen ist sie ein inneres Seil, um das das eigentliche Seil gewickelt wird, womit man näherungsweise Biegeschlaffheit erreicht, durch die sich das Seil nach der Balkentheorie überhaupt erst vom näherungsweise biegesteifen Balken unterscheidet. Die Seele scheint also ein Hohlraum sein zu können, sofern sie sich in einem anderen Körper befindet, aber auch eine Füllung in einem ihr wesensgleichen Gefüllten. Hohlräume ohne umschliessenden Körper sind häufiger als Körper ohne umschliessenden Hohlraum, es wird also mehr Hohlseelen als Vollseelen geben. Jedenfalls ist die Seele immer von etwas Seelenlosem umgeben, dessen Seele sie ist, eine Seele kann also keine Seele haben.

Klopapier, wie wir es kennen, ist ebenfalls innen hohl, könnte also theoretisch beseelt sein. Im erdgeschichtlichen Massstab ist es ein ähnlich junges Phänomen wie das Internet. Vor seiner Einführung im 19. Jahrhundert (wie bei der Mauer waren die Chinesen natürlich schneller) wurde alles Mögliche benutzt, bis man auf den naheliegenden Gedanken mit dem Papier kam. Die Griechen reinigten sich mit Steinen und Tonscherben, die Germanen mit Stroh und Laub, das Mittelalter kannte Moos, Schafwolle, Sand, Maisstroh, die linke Hand, Rabelais diskutiert die Vorzüge lebender Gänse als Arschwisch. Ist Papier das Ende der Entwicklung? Die Zahl der Lagen stagniert bei 4 bis 5. Nach dem Ende des kalten Krieges brauchen meine Verwandten aus Itzehoe zwar kein Klopapier mehr, um die Grenze zu passieren und in den Osten zu reisen, einerseits hat sich der Westen also durchgesetzt, aber andererseits muss er nicht mehr weicher werden, um den Osten auszustechen, was schade ist.

Aber jeder Osten hat seinen Osten, und in Odessa fand ich nun ein nichtkanonisches, hohlraumloses Klopapier, das mich irritiert hat, weil es auf einfache Art alte Denkgewohnheiten zerstörte. Es stellte sich z.B. sofort die Frage, ob zuerst unser Klopapier da war, oder unsere Klopapierhalterung. Aber die viel zermürbendere Frage war, ob dieses Klopapier, weil es innen nicht hohl ist, keine Hohlseele hat, oder ob es selbst die aus unserem Klopapier herausgestanzte Vollseele ist, die nun, getrennt von ihrem Körper, in Osteuropa Dienst tun muss.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Volk ohne Zwischenraum


07.09.2006 | 05:41 | Fakten und Figuren

Verjüngungskur


Isst immer mit den Händen, kann nichts verbiegen, deshalb tot. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Wenn eines fernen Tages der Vorhang für Uri Geller fallen soll, wenn er sich anschickt, die Radieschen von unten zu besehen und für seine letzte Reise packt, wenn sein letztes Stündlein auf einer vormals defekten Taschenuhr schlägt, dann gibt es ein Problem. Denn kein himmlischer Leihstellenangestellter, der bei Sinnen ist, würde einen Löffel annehmen wollen, den Uri Geller abzugeben hätte. Uri Geller also wird wohl leider ewig leben; er wird ja sehen, was er davon hat.

Andere haben dieses Problem nicht. Die laut Guiness Buch älteste Person der Welt zum Beispiel gab vor einer Woche ohne weitere Komplikationen ihr Essgeschirr ab, eine Meldung, deren gleichzeitige Belanglosig- wie absurde Häufigkeit
zur Frage einlädt, wie oft uns denn eigentlich so ein ältester Mensch wegsterbe. Die populationsprobabilistische Rechnerei dazu ist mässig unterhaltsam, gilt aber natürlich nicht nur für Menschen, sondern auch für zum Beispiel Schildkröten, Krähen, Affen, andere Schildkröten und ehemalige Parlamentarier. Das ist schon interessanter, aber geradezu letztenatemberaubend ist der sich anbiedernde Aphorismus, wonach der älteste Mensch der Welt gleichzeitig der einzige sei, der bei seinem Tod jünger werde. Das stimmt allerdings nur bis so circa 2070, dann übernimmt Uri Geller den Job.


06.09.2006 | 18:28 | Anderswo | Papierrascheln

Yale Shmale


Stadtleben in Thunder Bay
(Foto: loimere)
Thunder Bay ist eine mittelgrosse Hafenstadt am Nordende des Oberen Sees, bekannt vor allem für riesige Getreidesilos. Ausserdem ist es der Ort, an dem Terry Fox, kanadischer beinamputierter Volksheld, seinen "Marathon of Hope" nach 5373 km aufgab. Was viele nicht wissen: In Thunder Bay befindet sich auch ein Campus der Lakehead University, die auch fast niemand kennt. Damit sich das ändert, hängen seit ein paar Wochen einigermassen ästhetische Werbeplakate und eine Website in der Gegend, wobei "Gegend" sehr kanadisch-grosszügig definiert ist. Versehen mit dem extra dafür erfundenen Slogan Yale Shmale, versprechen die Plakate kurzerhand, dass man auch mit einem Studium in Lakehead Präsident der Vereinigten Staaten werden könne. Wir nehmen das mal zur Kenntnis. Nun stimmt es zwar, dass Yale die amerikanischen Präsidenten Ford, Bush, Clinton und Bush hervorgebracht hat. Aber praktisch im selben Atemzug spuckte Yale unter vielen anderen auch die Erfinder der Quark-Theorie, der Laffer-Kurve, des Morsealphabets, der Zeitbombe, des U-Boots, der Programmiersprache COBOL, des Monetarismus und des Nyquist-Theorems aus. Zudem gilt es als nur halbwegs umstritten, dass Yale-Studenten in ihrer freien Zeit das Frisbee-Spiel entwickelt haben. Lakehead dagegen: zwei Curlingweltmeister. Grössenwahn hin, Selbstüberschätzung her, bei soviel Realitätsverlust muss man hochgespannt sein, was in den nächsten Jahrhunderten so aus Thunder Bay für sagenhafte Innovationen durch die Welt schwappen werden. Bis dahin glauben wir aber weiterhin eher an Lakehead Shmakehead.


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