Riesenmaschine

17.10.2008 | 02:51 | Berlin | Essen und Essenzielles

Leider ist dieser Text nicht von Wortmann


Kürzlich in Mexiko
Das Wortspiel ernährt drei Berufsgruppen: moderne Lyriker, Komiker und Werbetexter, bzw. die Synthese aus allem: den Rapper. Es verführt aber auch zur "selffulfilling Standortwahl": in der Marienburger Strasse muss man einfach ein Burgerrestaurant aufmachen. Als Bestattungsunternehmen könnte man sich in der Ernst-Grube-Strasse ansiedeln, als Dealer in der Linienstrasse, als Satiriker am Eulenspiegelweg. Je intelligenter man ist, an umso schlechteren Wortspielen hat man ja Freude (während es gute Wortspiele nur für Dumme gibt.) Entsprechend muss man sich als Schornsteinfeger in Russland ansiedeln, als Fleischbeschauer in Finnland und als Jungfrau in England. Und als Bundeskanzler Frank Steinmeier muss man unbedingt einmal im Leben Frankreich erobern.


12.10.2008 | 17:48 | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

Schokolade hilft nicht ist eine Nachricht


Schutz vor Herzerkrankungen (Serviervorschlag).
Quelle: feastguru_kirti (Lizenz)
Zur wöchentlichen Wurst einer Wissenschaftsredaktion gehören Geschlechtsdimorphismen, niedliche aussterbende Tiere und Schokolade. Kürzlich wurde beispielsweise bejubelt, dass italienische Forscher ein niedrigeres Risiko für Herzerkrankungen durch den täglichen Genuss von 6,7 g dunkler Schokolade ausgemacht haben.

Das tendenziös, verklärte Medienecho zu Schokolade fordert eine kritische Berichterstattung zu ihrer dunklen Seite; wir tun daher unsere Pflicht zur Aufklärung im Folgenden und arbeiten die Nachrichten aus der Schokoladenforschung auf.

Sonst nimmt am Ende niemand wahr, dass die Dreingabe eines Schoko-Riegels (70% Kakao) bei norwegischen Physiotherapeuten keine Verbesserung des Rücklaufs von Fragebögen erzielte. Oder alle verpassen ihre Rolle als Auslöser von Migräne und die schockierenden Erkenntnis, dass das Verlangen nach Schokolade die geistigen Leistungen von australischen Studentinnen negativ beeinflusst.

Ergebnisse zu Trauben-Nuss liegen noch nicht vor.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Island, deine Riegel


19.09.2008 | 03:54 | Anderswo | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Crowdsource the disco


Die neue längste Theke der Welt (Foto, Lizenz)
Provinz- und Grossraumdiskotheken waren immer schon Horte des besinnungslosen Fortschritts. Seit Jahren werden die Getränke dort vollkommen elektronisch mit ausgegebenen Chip- oder Magnetkarten bezahlt, und an den Kassen akzeptiert man auch EC-Karten. Die Verbannung des Kleingelds, ein uralter Traum der Menschheit, ist zwischen den Themenräumen Discostadl und Rittersaal längst Realität. Im Agostea Koblenz hat man beispielsweise den Gedanken der Automatisierung völlig verinnerlicht. Nicht nur, dass die Chipkarten hier beim Eintritt durch ein hochkompliziertes visuelles Aufnahmeverfahren mit einem Bild des Gastes versehen werden, um Missbrauch vorzubeugen. Es wurden auch, vorerst als Ergänzung zur Theke, Getränkeautomaten aufgestellt, die kalte Softdrinks und Bier zu vergünstigten Preisen bereithalten. Informanten berichten, dass sich Ähnliches anderswo schon viel länger beobachten lässt, aber das lässt es sich ja immer.

Die Einführung von Getränkeautomaten in Clubs steht dem Geschäftsmodell der Tanz-Gastronomie jedenfalls nur auf den ersten Blick diametral gegenüber. In Wirklichkeit ist damit der Grundstein gelegt, um endlich auch hier das Prinzip des Crowdsourcing durchsetzen zu können: In Zukunft werden Diskotheken alle Bars abschaffen und nur noch Getränkeautomaten aufstellen. Kostspielige DJs werden ersetzt durch die Möglichkeit für Gäste, eigene CDs mitzubringen, für die Lichteffekte hat einfach jeder eine bunte Taschenlampe dabei und den Strom macht man auch selbst. Morgens früh räumen dann alle zusammen auf und putzen die Klos. Das alles zu "vergünstigten Eintrittspreisen"! Wer würde da nicht gerne in der Provinz oder im Grossraum wohnen?


17.09.2008 | 07:15 | Anderswo | Essen und Essenzielles | Papierrascheln

Fruchtig, frisch und urgesund

Man kann heute nicht mehr alles so dahinbehaupten, selbst im Fachgewerbe für gezieltes Dahinbehaupten, dem Marketing. Vor allem auf dem Feld der Gesundheitsbehauptungen schauen Verbraucherschützer in letzter Zeit ganz besonders genau hin, ein Zeichen dafür ist die seit Juli 2007 gültige EU-Verordnung zu nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben von Lebensmitteln.
Auf Herstellerseite gilt es nun, nach neuen Wegen zu suchen. So wird derzeit von einem uns nicht genauer bekannten Grosskonditor, der unter anderem das Café des Diakonie-Wohnstifts am Westerberg in Osnabrück beliefert, das Mittel der masslosen Übertreibung und Satire angetestet. Möglichen Klagen durch Verbraucherschutzverbände hofft man entgegensetzen zu können, dass die Behauptung, ein Sahneteilchen sei "urgesund", nun beim besten Willen nicht ernst gemeint sein könne. Sollte das durchkommen, ist es bis zum Musterprozess für Kunstfreiheit auf Warenetiketten dann nur noch ein kleiner Schritt.


30.08.2008 | 11:12 | Berlin | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles | Vermutungen über die Welt

Die neue Hyperspezialisierung


Fast gar nichts ist fast alles!
Hertie musste Ende Juli Insolvenz anmelden, Kaufhof wird von seinem Mutterkonzern Metro zum Verkauf angeboten und Karstadt belastet durch massive Verluste die Arcandor-Aktien. Ein kürzlich erschienener Bericht in der FTD bestätigt: Die Warenhäuser sterben aus, von einigen exponierten Vertretern aus der KaDeWe-Liga einmal abgesehen. Damit ist auch das Alles-unter-einem-Dach-Konzept am Ende. Die Kunden wollen nicht mehr durch mehrtausendteilige Warenangebote in Riesengebäuden irren und gehen lieber in Fachmärkte, zum Beispiel zu Saturn.

Doch das ist erst der Anfang. Im nächsten Schritt werden sich eigene Läden für einzelne Produktgruppen durchsetzen, wie etwa ein Geschäft nur für Autofelle. Und in der finalen Konsequenz steht die vollendete Hyperspezialisierung, die im "Tandur Brot Lasan 2" am Kottbusser Damm, Kreuzbergseite, bereits seit über einem Jahr erfolgreich vollzogen wird. Hier gibt es nur eine einzige Sorte Brot, im Viererpack für 1,20 Euro. Die angebotenen Varianten Sesam und Sesam-Käse sind lediglich ein Eingeständnis an die noch nicht hinreichend konditionierte Konsumentenschaft und werden bald aus dem Sortiment genommen.

Irgendwann wird dann jeder Laden nur noch genau ein Produkt verkaufen. Der Einkauf wird zum gesamturbanen Erlebnis und Stadtplaner werden vor der Wahl stehen, ob sie Stadtviertel links- oder rechtsdrehend entwickeln – entsprechend werden die Läden mit den teuren Produkten bevorzugt auf der rechten Strassenseite im Erdgeschoss zu finden sein, während Ramsch und Handelsmarken im Keller oder im fünften Stock verkauft werden.


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