Riesenmaschine

08.02.2010 | 01:31 | Anderswo

Ontologisches Reisen


Anwohner (Foto, Lizenz)
Tourismus ist eine Sackgasse. Mal kurz an einem fremden Ort sein, wie es vom Touristen verlangt wird, kann man sowieso nicht. Die meisten Leute behelfen sich damit, eine Idee über einen Ort zu haben (in ihrem Kopf), sie dann mit Informationen aus Reiseführern anzufüttern (in ihrem Kopf) und dann den Ort aufzusuchen. Sie glauben, an diesem Ort zu sein, was sie jedoch in Wahrheit besuchen, ist das Vorurteil (in ihrem Kopf). Seltene Ausnahmen, in denen z.B. gerade ein Krieg ausbricht oder ein Vulkan, sollen mal nicht weiter diskutiert werden. Am Ende werden Fotos gemacht und den Kindern gezeigt. Der Ort lebt ungestört weiter.

Es gibt nichts, was man dagegen unternehmen kann, aber aus Protest kann man zumindest das Gegenteil tun. Statt sich einzubilden, am Ort X zu sein, während man in Wahrheit vorwiegend im eigenen Kopf ist, macht man folgendes: Man fährt konzeptlos an einen Ort Y und bildet sich dann ein, gar nicht dort, sondern im eigenen Kopf zu sein.

Nirgendwo kann man so gut nicht daran glauben, an einem Ort zu sein, wie an einem Ort, der vielleicht gar nicht existiert. Es gibt nicht viele dieser bielefeldartigen Orte, aber bei den wenigen handelt sich fast ausnahmslos und pflichtgemäss um Gegenden ohne jedes Selbstwertgefühl, im inneren North Dakota sozusagen. Man würde gern wissen, ob bei Trivial Pursuit gefragt wird, was Molise, Matlock, Belgien, Petach Tikva, Worksop gemeinsam haben. Und wie hoch die Dichte an psychologischen Beratungsstellen in diesen Orten ist, Informationen, die man im Internet, dem Bielefeld der Herzen, vergeblich sucht.

Beim chilenischen Bielefeld zum Beispiel handelt es sich um ein grosses Dorf namens Combarbala irgendwo in der Wüstenei, eine knappe Tagesreise nördlich von Santiago. Wir haben dieses Nichtding kürzlich mal ausprobiert und folgendes ist zu berichten. Combarbala hat dem Antitouristen im Vergleich zu Bielefeld folgende zwei Vorzüge zu bieten: Tiere und Internet, beides kostenlos und frei herumlaufend. Mehr gibt es dort nicht, aber das wäre jetzt schon zuviel verraten.


01.02.2010 | 09:56 | Anderswo | Alles wird besser | Was fehlt

Ironisch reisen


Da sage "einer", "die" Chinesen hätten keine "Ideen"
Ein ironischer Orgasmus, meinte Robert Gernhardt einst, sei kaum vorstellbar. Genauso wenig kann man wohl ironisch reisen, es sei denn, man heisst Hermann Hesse. Aber dessen Ironische Reise von 1927 wird wahrscheinlich nur ein ironischer Reisebericht sein, so wie alle anderen ironischen Reisen auch, wenn es sich nicht gar um Reisen im übertragenen Sinne handelt. Jetzt hat sich ein Pekinger Omnibusunternehmen offenbar dazu entschlossen, zu zeigen, dass man auch wirklich ironisch reisen kann. Und wer weiss: Wenn es über Stock und Stein geht, fühlen sich die Passagiere am Ende so "well", dass die eine oder der andere am Ende doch zu einem ironischen "Orgasmus" kommt.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (12)


27.01.2010 | 22:32 | Anderswo | Sachen anziehen

Travelpussy-Party, demnächst


*Speak for yourself! Gemeint ist ausschliesslich der prüde Autor. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Wie Jens O. Brelle meldet, werden Betreiber von sog. Dildoparties derzeit vom Markeninhaber abgemahnt. Wie immer haben uns*, die wir nie über das Kekswichsen hinausgekommen sind, die Frauen da anscheinend was voraus. Das Format der Pussyparty müsste erst noch erfunden werden. Immerhin gibt es die Zutat TravelPussy für 4 € mittlerweile an gut sortierten Autobahnraststätten im Kondomautomaten, sodass wir nicht mehr auf die ungleich kostspieligere Fleshlight-Alternative angewiesen sind. Das Inspizieren des Inhaltes erinnert zunächst an die Ernüchterung beim Auspacken des YPS-Gimmicks "Solar-Ufo", bei dem es sich um letzlich auch um einen schwarzen Müllsack handelte. Immerhin ist unser Exemplar rosa und nicht hellblau, hält die Luft nach dem Aufpusten, und das mitgelieferte "Liquid Gel" verspricht: "Pflegt die Haut, macht sie erotisch, sensitiv, rutschig." Vielleicht sind wir ja auch einfach nur hoffnungslos hinten dran, schliesslich hat Deichkind dem Phänomen schon 2008 einen mitreissenden Song gewidmet. Insofern wir unsere Verklemmtheit überwinden können, wird unser abschliessendes Urteil nicht hier, sondern demnächst auf Amazon erscheinen, der Augenzeugenbericht von der ersten TravelPussyParty womöglich im Vice-Magazin. Jedenfalls haben wir uns die Marke schon mal gesichert.


24.01.2010 | 20:10 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Gendertrends 2010


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die traditionell vorgesehenen zwei Geschlechter genügen den Anforderungen des Alltags schon länger nicht mehr. Die Lösungsvorschläge sind so vielfältig wie umstritten: Die Geschlechtslosigkeit der Algen, das mannweibliche "Mondgeschlecht" bei Aristophanes, das Dritte Geschlecht, die Hirschfeld'schen Zwischenstufen, die vier Geschlechter bei den nordamerikanischen Indianern, die vier bis fünf Geschlechter der Rigelianer, die fünf Geschlechter bei den indonesischen Bugi oder die 23.328 Geschlechter des Gemeinen Spaltblättlings sind sämtlich Nischenlösungen geblieben. Weil es – wie auch bei Netzteilen und Steckdosen – an einem gemeinsamen Standard fehlt, kann man der Produktentwicklungs- und Marketingwelt nicht verdenken, dass sie bisher etwas zögerlich in den Startlöchern verharrte. Am Ende braucht jedes Gastronomieunternehmen acht Klotüren, eine Kostenvervielfachung ohne klaren Nutzen. Die Zigarettenmarke Skavenbeck macht einen ersten Schritt mit der Unterteilung der Welt in vier praktikable Geschlechter: ein Teil des klassischen Frauensegments und der sehr schwule Mann (Pink / Fine Flavour), die davon nicht abgedeckten Frauen- und Schwulenbereiche sowie der metrosexuelle Mann (Grey / Fine Flavour) und der herkömmliche heterosexuelle Mann (Brown / Full Flavour). Das Segment Green/Menthol ist für künftige Erweiterungen reserviert.


23.01.2010 | 10:47 | Berlin | Zeichen und Wunder

Horror vacui in Aktion


Das schneebeglänzte Feld als Leinwand (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Wir als elende Skribenten und Zeilenschinder gingen bislang immer davon aus, bei unserem täglichen writers block, der allmorgendlichen Angst vor dem weissen Blatt resp. der Bildschirmoberfläche, die Douglas Adams ins Bonmot goss, Schreiben sei eigentlich ganz einfach, man müsse nur so lange auf ein blankes Stück Papier starren, bis einem die Stirn blute, handele es sich um nichts anderes als den sprichwörtlichen horror vacui. Nun klärt uns die Wikipedia darüber auf, dass mit der nämlichen "Abscheu vor der Leere", das exakte Gegenteil gemeint ist, sprich: "die Neigung des unerfahrenen Künstlers, leere Räume (des Papiers oder der Leinwand) mit Bild oder Text zu überdecken." Demnach erklärt der horror vacui nicht nur das Europep-Dekor auf Wohnmobilen, sondern "wird auch als spontane Motivation genannt, an leere Wände Graffiti anzubringen." Das wiederum würde erklären, warum eine jungfräuliche Schneefläche, die auf unsereins eine nachgerade perhorreszierende Abstossungswirkung hat, weil sie uns an unser unbewältigtes Schreibpensum erinnert, auf unerfahrene Graffitisprüher im Gegensatz magische Anziehungskraft ausübt. Eigentlich erstaunlich, dass nicht viel öfter, wie hier in Berlin-Niederschönhausen, das Schneekleid der Stadt als Maluntergrund benutzt wird. Und genau so wie die namenlosen Schneesprüher haben wir es auch gemacht: einfach irgendwas hingeschrieben, um den Weissraum um das Foto herum zu füllen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Konservative Wände


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